Die Welt braucht keinen „Goldenen Reis“, sondern gerechten Zugang zu Ressourcen

Nationale Gegenstellungnahme umwelt- und entwicklungspolitischer Organisationen der AG Landwirtschaft und Ernährung des Forum Umwelt und Entwicklung zum Brief der Nobelpreisträger zur Unterstützung der Präzisions-Landwirtschaft (Genetisch Modifizierte Organismen, GMOs) vom Juni 2016

Wäre Hungerbekämpfung in erster Linie durch eine globale Mengensteigerung möglich, wie die Chemiker*innen, Physiker*innen und Mediziner*innen suggerieren, müsste heute niemand mehr Hunger leiden. Denn wir produzieren schon heute mehr Kalorien, als für die Ernährung der Weltbevölkerung nötig wären. Der offene Brief der Nobelpreisträger*innen enthält keinerlei neue Argumente oder Erkenntnisse. Wir, in der AG Landwirtschaft und Ernährung des Forum Umwelt und Entwicklung zusammenarbeitenden Verbände und Organisationen aus dem entwicklungs- und umweltpolitischen Bereich, möchten den offenen Brief der Nobelpreisträger*innen zum Anlass nehmen, um einige Punkte klar zu stellen.

Hunger wird gemacht

Die Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zum zukünftigen Nahrungsmittelbedarf sind umstritten und basieren auf der Annahme, dass die gesamte Menschheit ein Ernährungsverhalten übernehmen wird, wie es heute nur in den Industriestaaten üblich ist. Dies ist jedoch kein tragfähiges Modell für die Zukunft der Welternährung. So werden weltweit ca. 30 Prozent der Lebensmittel weggeworfen. Dazu geht beispielsweise über die Hälfte der EU Getreideernte in die Tiermast. Eine derartige Verschwendung kann die Welt nicht tragen!

Der Goldene Reis ist ein altbekanntes Phantom

Zwar wird mit der Stellungnahme suggeriert, es handle sich hierbei um Verteidigung moderner Züchtungsverfahren. Jedoch nimmt der Brief keinen Bezug auf neue Entwicklungen. Auch wenn der so genannte Goldene Reis seit über 15 Jahren als Musterbeispiel für die Potentiale der Agro-Gentechnik herangezogen wird - es gibt ihn bis heute nicht. Der Hauptgrund dafür sind nicht etwa die Zerstörung von Versuchsfeldern oder regulatorische Hürden bei der Zulassung, sondern technische Schwierigkeiten: Die Entwicklung der Eigenschaft und die Einkreuzung in lokale Reissorten gestaltet sich weitaus schwieriger als ursprünglich erwartet und wird noch mindestens einige Jahre in Anspruch nehmen. Darauf wies erst kürzlich eine Studie von Wissenschaftlern der Washington State University und der University of Sussex hin[i]. Zudem sind laut dem Internationalen Reisforschungsinstitut die Erträge der Goldenen Reis Linien nicht befriedigend[ii].

Auf den Philippinen haben beispielsweise verschiedene staatliche Maßnahmen dafür gesorgt, dass der Vitamin A-Mangel in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen ist. Außerdem enthalten lokale traditionelle Sorten einen höheren Vitamin A Gehalt als der Goldene Reis.

Außerdem weist die Kampagne für die Zulassung des Goldenen Reis hochproblematische Züge auf. In China wurde 2009 bekannt, dass 23 Schulkindern im Rahmen eines Versuchs genetisch modifizierter Reis zugeführt worden war, ohne dass zuvor eine umfassende Analyse der Inhaltsstoffe oder eine Fütterungsstudie an Tieren vorgelegt worden wäre. Die verantwortlichen Wissenschaftler*innen wurden entlassen. Doch Lobbyvereine wie das Forum Grüne Vernunft, versuchen nicht nur seit Jahren, Greenpeace mundtot zu machen, sondern auch, kirchliche Kreise, die Goldenen Reis nicht propagieren wollen, durch öffentliche Zeitungsannoncen unter Druck zu setzen[iii].

Gentechnik macht nicht satt

Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen (GVP) birgt Risiken für Mensch und Umwelt. GVP können unter dem Einfluss externer Umweltfaktoren auch nach Generationen nicht erwartete Effekte zeigen, viele Publikationen haben unerwartete Stressreaktionen dokumentiert. Gentechnik ist weder moderne Züchtung, noch macht sie satt. Gentechnik kann angepasste, regionale und lokale Züchtungsbemühungen nicht ersetzen, im Gegenteil, klassische Züchtung ist bei der Entwicklung widerstandsfähiger Pflanzen erfolgreicher als Gentechnik[iv]. Moderne Ansätze für eine Pflanzenzüchtung bestehen gerade in partizipativen Ansätzen, die Wissenschaftler*innen und Landwirt*innen in den Dialog bringen. Solche Verfahren sind jedoch kaum patentierbar und bringen einzelnen Konzernen kaum Gewinn.

Das Pamphlet der Nobelpreisträger*innen steht im krassen Widerspruch zu den Ergebnissen des Weltagrarberichts, bei dem über 600 Fach-Wissenschaftler*innen aus den Bereichen Entwicklung, Landwirtschaft und Ernährung zu dem Schluss kommen, dass gentechnisch veränderte Pflanzen kaum Relevanz für die Hungerbekämpfung haben[v]. Auch ein aktueller Bericht eines internationalen Gremiums von Expert*innen für nachhaltige Landwirtschaftssysteme (IPES-Food) kommt zu dem Schluss, dass die bisherige Anwendung der Agro-Gentechnik industrielle Landwirtschafts­systeme gestärkt hat, statt den notwendigen Paradigmenwechsel zu agroökologischen Systemen zu fördern[vi].

Nobelpreisträger*innen sind keine Universalgelehrten

Zudem weisen wir darauf hin, dass es keinen Nobelpreis für eine herausragende agrar-, umwelt- oder entwicklungs­politische Kompetenz gibt. Die Unterzeichner*innen des Briefes zur Unterstützung der Präzisions-Landwirtschaft wurden für spezifische wissenschaftliche Leistungen in ihrem Fachgebiet - überwiegend in Chemie und Physik - ausgezeichnet und können vor diesem fachlichen Hintergrund einen Beitrag zur Debatte um die Gentechnik leisten. Die Frage, ob GVP einen Beitrag zu einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Landwirtschaft leisten können, kann jedoch nicht im Labor beantwortet werden. Ein Blick auf die Regionen, in denen GVP angebaut werden zeigt: Zu 99 Prozent sind es die vier Cash-Crops Soja, Mais, Baumwolle und Raps, die mit gerade zwei Eigenschaften (Herbizid- und Insektenresistenz) versehen worden sind. Nach kurzer Zeit bilden sich resistente Beikräuter und Insekten werden resistent gegen die Toxine. Dieses System hat in der Praxis versagt und ist nicht zukunftsfähig.

Der für das Menschenrecht auf Nahrung zuständige Ausschuss der Vereinten Nationen erklärt: „Im Grunde liegt die Wurzel des Problems von Hunger und Mangelernährung nicht in einem Mangel an Nahrungsmitteln, sondern im mangelnden Zugang großer Teile der Weltbevölkerung zu den verfügbaren Nahrungsmitteln, der unter anderem auf Armut zurückzuführen ist.“


Die Stellungnahme als pdf

 

10.08.2016
Von: gemeinsame Stellungnahme