Jetzt handeln!

Kommentar

Ein knappes Gut zu haben, ist immer gut. Es sorgt für Wertschätzung gegenüber dem Produkt und dem Produzenten, garantiert einen ausreichenden Preis und ist damit die Grundlage für ein auskömmliches Dasein. Leider machen Bauern und Bäuerinnen diese Erfahrung immer seltener. Allzu oft werden sie zu Rohstofflieferanten eines Massenprodukts. Handel und Verarbeiter hingegen lieben es, aus dem Überfluss zu schöpfen und somit Preise zu diktieren. Aktuelles Beispiel sind die Molkereien. In der, trotz erster Preiserhöhungen, noch andauernden Krise waren sie zu keinem Zeitpunkt bereit, ihre Marktstellung im Interesse der Lieferanten zu nutzen, um der Überschusssituation mit einer geregelten Mengenregulierung zu begegnen. Die Bauern und Bäuerinnen mussten die Politik zwingen, mengensteuernde Maßnahmen zu ermöglichen. Denn auch die meisten Politiker, allen voran Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), schieben den freien Markt vor, statt selbst tätig zu werden Dieser werde schon alles regeln. Dass der Markt die Menge über Existenzvernichtung regelt, haben wir nun erlebt. Er funktioniere, urteilen allerdings Fachleute, schließlich kamen die ihrer Meinung nach überflüssigen politischen Maßnahmen erst, als die Milchmenge von alleine sank.

Bauern sind selten Händler, trotzdem müssen sie handeln. Nur wenn sie das Heft des Handelns – eine ihrer Bedeutung angemessene Rolle und damit Marktmacht – wieder in die Hand bekommen, können sie als Marktpartner auf Augenhöhe wahrgenommen werden und verhandeln. Die Politik muss die Rahmenbedingungen hierfür schaffen: Bei der Milch, indem sie vorbeugend, also jetzt, nicht erst wenn die nächste Krise da ist, Instrumente installiert, die den Bauern und Bäuerinnen eine eigenständige, aber flächendeckende Mengensteuerung erlauben. In der Tierhaltung, indem sie nicht nur Studien, schöne Worte und vage Anforderungen formuliert, sondern konkret Ställe fördert, die gesellschaftlich gewollt sind und denen sie durch vernünftige Label Vermarktungsoptionen eröffnet. Mit einer Bodenpolitik, die nicht länger tatenlos zusieht – und damit stillschweigend toleriert, dass bäuerliche Betriebe bei Landverkauf oder -verpachtung immer häufiger das Nachsehen haben – hier und im Rest der Welt. Und indem sie Handelsverträge mit Staaten abschließt, die nicht den am eifrigsten lobbierenden Konzernen hier wie dort nützen, sondern den jeweils dort lebenden Bauern und Verbrauchern.

Politische Rahmen sind wichtig, sie sind zwingend notwendig, aber mindestens genauso wichtig ist, dass die Bauern und Bäuerinnen innerhalb dieser Rahmen denn auch ihre Verantwortung übernehmen. Wer als Milchbauer jetzt sofort wieder die Menge steigert, trägt direkt zur nächsten Krise bei. Wer jetzt einen Vollspaltenschweinemaststall neu baut und glaubt, nur ein Kommunikationsproblem mit weltfremden, landfernen, unwissenden Verbrauchern zu haben, verkennt, dass die gesellschaftlichen Anforderungen nicht einer momentanen Modewelle entspringen, sondern auf eine ethische, moralische Grundlage zurückgehen. Handeln heißt nicht nur zu produzieren, handeln heißt auch sich zu solidarisieren, in Verbänden und Aufsichtsräten Interessen wahrzunehmen, in Erzeugergemeinschaften besondere Qualitäten zu vermarkten. Zu handeln im Sinne der Händler, aber mit dem direkten Bezug, der Wertschätzung und der Achtung vor dem Produkt. Statt darauf, dass das „ökonomische Optimum häufig bei einer geringeren Stufe der Intensität zu sehen“ sei, werde der Blick zu oft einseitig auf Flächenerträge, Milchleistungen, und Tageszunahmen gerichtet, erklärte gerade der Vizepräsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), Hubertus Paetow.

Bäuerliche Betriebe haben keine Chance im Rennen um Gewinnmaximierung durch Kostenführerschaft zu Lasten öffentlich bereit gestellter Ressourcen wie Tierwohl, Grundwasserqualität, Biodiversität usw. Sie müssen auch kein Interesse daran haben. Ihre Stärke ist die Möglichkeit des Schulterschlusses mit der Gesellschaft. Bäuerliche Betriebe produzieren Lebensmittel mit Mehrwert. Sie erbringen gesellschaftliche Leistungen, erhalten Naturräume, Arbeitsplätze und sind Garant für lebendige Dörfer. Dies selbstbewusst zu zeigen und sich nicht von der Ideologie des „Immer billiger und immer mehr" mundtot machen zu lassen, ist jeden Tag eine neue Herausforderung. Sie ist die Grundlage unserer Betriebe. Eindrucksvoll demonstriert werden muss dies wieder im Januar in Berlin – der Politik und all denen, die glauben, Bauern und Bäuerinnen sollten und bräuchten keine Verantwortung zu übernehmen.

28.11.2016
Von: Claudia Schievelbein, Redakion Unabhängige Bauernstimme