Tapferer Prinz oder böser Zauberer?

Welchen Frosch soll man küssen? Clemens Tönnies bringt die Bauern zum Staunen

Die Ernährung der Zukunft“ lautet das Thema der Veranstaltung des CDU-Kreisverbandes Aschendorf-Hümmling (Emsland). Veranstaltungsort ist das idyllisch gelegene Waldhotel Surwold, gleich neben dem Freizeitpark mit dem weithin bekannten und bei Kindern beliebten Märchenwald. Hier wollen sich viele emsländische Bauern heute Abend Orientierung und Trost holen, sind sie doch spätestens seit der niedersächsischen Landtagswahl zutiefst verunsichert, wie es in dieser Region mit intensivster Fleischproduktion weitergehen soll. Ein grüner Landwirtschaftsminister bestimmt jetzt mit über ihre Geschicke, sein Spitzname lautet hier Bauernschreck! Angesichts dieser Bedrohung scharen sich die Landwirte um ihre CDU, die es ja bisher immer noch gerichtet hat. Dementsprechend voll ist der Saal: gut 130 Menschen, davon sicherlich ¾ Bauern, füllen die Sitzreihen. Selbstverständlich ist auch die Bauernverbandsprominenz bestens vertreten, vom Kreislandwirt bis zum Vorsitzenden und Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft für Schlachtvieh. Zwischen Bauernverband und CDU besteht ohnehin weitgehend Personalunion. Als einziger AbLer  komme ich mir ein wenig verloren vor, zum Glück entdecke ich noch zwei Mitstreiter, einen BDM-Kreisteamleiter und ein Mitglied einer Bürgerinitiative gegen Hähnchenmastställe. Wir sind in der Höhle des Löwen! Referent des Abends ist Clemens Tönnies, Inhaber des gleichnamigen Schlacht- und Fleischkonzerns aus dem westfälischen Rheda-Wiedenbrück.  Mit seinem Weidemark-Schlachthof in Sögel ist er auch der Hauptabnehmer der emsländischen Schweine. Mit der Wahl des Referenten hat die CDU noch einmal gezeigt, wo ihre Stärken liegen: In der nahtlosen Verzahnung von Landwirtschaft, Politik und Nahrungsmittelindustrie. Mit dieser Dreieinigkeit wird man den Störenfrieden aus der Umwelt- und Tierschutzszene und ihrem grünen Minister doch wohl etwas entgegensetzen können! Die Erwartungen der Landwirte sind groß.

 

Unterhaltungspotenzial

Clemens Tönnies kommt anfangs auch sehr gut an. Der Selfmade-Mann tritt selbstbewusst und souverän auf und schildert zunächst seine Anfänge. Als 15-Jähriger ging er von der Volksschule ab und begründete mit seinem etwas älteren Bruder das Schlachtunternehmen, das er in 40 Jahren zu einem global Player mit 40 Prozent Marktanteil bei Schweineschlachtungen in Deutschland entwickelt hat. Im lockeren Plauderton stellt er seine Unternehmensphilosophie dar, betont die Wichtigkeit des Weltmarkts - er beliefert 82 Länder - und der Spezialisierung: Jedes Schwein wird in 130 Einzelteile zerlegt, und jedes Teilstück gelangt in das Land mit der größten Wertschöpfung.

 

Wie Toffifee

So liefert Tönnies die „-chen“-Teile (Schwänzchen, Pfötchen, Öhrchen ) nach China, Spareribs in die USA, fetten Schweinebauch nach Russland, usw. Staunend lauschen die Zuhörer der Geschichte des märchenhaften Aufstiegs, zumal ja sicher von dieser weltweiten Wertschöpfung auch ein Teil für sie abfällt. Flotte Sprüche würzen den Vortrag: Unsere Schweinepfötchen müssen in China wie Toffifees aus der Packung ploppen! Beifällig werden Seitenhiebe auf die weltfremden Grünen aufgenommen, die ja auch in NRW den Landwirtschaftsminister stellen. Dort hält Tönnies dagegen mit seinen guten Kontakten zu den führenden SPD-Politikern:… „...und ich sage zu Frau Kraft: Hannelore, es geht um 1,5 Mio. Arbeitsplätze.“ Auch die emsländischen Bauern fordert er auf, sich an die SPD zu halten. Hierauf erntet er allerdings betretenes Schweigen: Er kann nicht wissen, dass es im ganzen Emsland und auch zum großen Teil in den umliegenden Kreisen mit Intensivtierhaltung gar keine gewählten SPD-Politiker gibt, Grüne schon gar nicht. Wie auf den Maisäckern des Emslandes, zeigen sich hier die Nachteile von Monokulturen. Überhaupt kennt Tönnies Gott und die Welt, sogar F.-W. Graefe zu Baringdorf lobt er als kernigen Bauern, was mich natürlich mehr freut, als den emsländischen Kreislandwirt. Die gute Stimmung im Saal trübt sich ein, als Tönnies den naiven und geschäftsschädigenden Auflagen der Grünen seine Alternativen entgegensetzt. Gesetzliche Regelungen lehnt er strikt ab, und fordert stattdessen die Mäster auf, freiwillig gesellschaftliche Forderungen zu erfüllen: Bauen Sie doch Luftwäscher ein, das stinkt doch sonst ekelhaft, ist doch den Menschen nicht mehr zuzumuten! Auch die Einrichtung von Ausläufen fordert er nassforsch. Die Nachfrage des Kreislandwirts, wie die zusätzlichen Kosten von ca. 20 Euro pro Schwein aufgebracht werden sollen, kontert er mit seinen guten Kontakten zum Einzelhandel: „Das mach´ ich mit der Rewe klar!“ Auch kritische Fragen zur Preisgestaltung werden abgebügelt. Tönnies verteidigt seine Hauspreise mit dem Hinweis darauf, dass die Vorstellungen der Lieferanten einfach überhöht und am Markt nicht durchsetzbar seien. Zweifel an der Weltmarktorientierung und der Möglichkeit weiteren Wachstums im Emsland lässt er nicht zu; die Weltbevölkerung braucht Fleisch, und Probleme, wie die hohe Güllebelastung müssen technisch gelöst werden. Spätestens hier wird es vielen Zuhörern mulmig: Mengensteigerung und damit verbundener Preisdruck, Beibehaltung der Weltmarktorientierung, die ja auch nur bis zu einem gewissen Preisniveau funktioniert und gleichzeitig Erhöhung der Tierschutz- und Umweltstandards! Wie soll das funktionieren? Was, wenn Tönnies mit seiner Preisoffensive beim Handel keinen Erfolg hat, die Mäster die teuren baulichen Veränderungen aber schon durchgeführt haben? Er sagt zwar: „Ich will doch meine Geschäftspartner nicht unter Wasser drücken, wäre ich ja schön dumm!“, aber ob er zugunsten der Bauern auf seine Marge verzichten würde? Diese Frage stellt sich besonders vor dem Hintergrund der großen Mastanlagen, die Tönnies mittlerweile in Russland betreibt, seinem Freund Putin zu Liebe, der ihn gebeten hat, die russische Fleischversorgung zu verbessern. Deutsche Mäster müssen wissen: Export ist keine Einbahnstraße! Auch das Angebot, alle nicht kastrierten Eber abzunehmen, stößt auf Skepsis; da Tönnies das einzige Schlachtunternehmen ist, das dazu bereit wäre, ergäbe sich eine Monopolstellung. Dass die Kastration aufhören muss, ist für ihn völlig unstrittig: „Hört endlich auf zu kastrieren, das ist doch Tierquälerei! Ihr macht es doch selber nicht gerne!“, so bringt er das Thema hemdsärmelig auf den Punkt.

 

Verwirrte Besucher

Schließlich geht die Veranstaltung zu Ende, und die Bauern verlassen den Saal. Der Abend ist für sie, aber auch für mich anders verlaufen als erwartet, und die Verunsicherung zeigt sich daran, dass viele noch lange auf dem Parkplatz  zusammenstehen und diskutieren. Auch ich frage mich vor der Kulisse des nächtlichen Märchenwaldes: Wer ist jetzt der tapfere Prinz und wer der böse Zauberer für die emsländischen Landwirte: Der neue grüne Landwirtschaftsminister oder Geschäftspartner wie Tönnies in den Wertschöpfungsketten?

05.06.2013
Von: Ottmar Ilchmann, Milchbauer aus Ostfriesland