Anbau heimischer Eiweißfuttermittel ausdehnen

Ackerbaulich und entwicklungspolitisch sind Leguminosen zukunftsweisend

Expertinnen und Experten aus Praxis, Politik, Zivilgesellschaft und Handel diskutierten über die Notwendigkeit und Herausforderung des Leguminosenanbaus in Deutschland und EU-weit auf dem 2. Futtermitteltag der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) am 4. November in Hamm. Mitveranstalter dieser Tagung waren Misereor und Germanwatch. Zunächst wurden die globalen Herausforderungen beleuchtet. Der zunehmende Anbau von Sojafuttermitteln in Südamerika zu großen Teilen für den Export auch nach Europa bringt negative Folgen für die Umwelt und die Menschen vor Ort mit sich. Die Akzeptanz des Anbaus der Soja-Monokultur ist in Teilen Südamerikas nur noch als gering einzuschätzen. „Es ist unsere Verantwortung, in Europa Einfluss zu nehmen auf die Bedingungen des Sojaanbaus im Süden“, sagte Kerstin Lanje, Handelsexpertin von Misereor. Tobias Reichert von Germanwatch ergänzte: „Entscheidend dafür ist auch, dass Europa dazu beiträgt, die Gesamtnachfrage nach Soja nicht weiter zu steigern, also keinen Anreiz zu geben, noch weitere Flächen für Soja zu erschließen.“ Markus Wolf von den DLG-Mitteilungen sah dagegen nur wenig Möglichkeiten für Europa, Einfluss auf die Sojawirtschaft in Südamerika zu nehmen, da ein wachsender Anteil der internationalen Soja-Nachfrage mittlerweile auf Asien und insbesondere China entfalle und der Anteil Europas abnehme.

Über eine andere Motivation, wieder mehr heimische Leguminosen und damit Eiweißfuttermittel anzubauen, berichtete Thorsten Stehr von der Raiffeisen Weser-Elbe e.G.: Um zunehmenden Unkrautdruck und Ertragsrückgänge im Getreideanbau auf Ackerstandorten seiner Region in den Griff zu bekommen, nahmen Bäuerinnen und Bauern die Ackerbohne mit ihre Fruchtfolge auf. Durchschnittliche Kornerträge bei den Bohnen von 6 t/ha und nachweislich positive Effekte auf Pflanzen- und Bodengesundheit sowie Ertragssteigerungen von 10 % beim nachfolgenden Weizen wurden so erreicht. Womit Stehr nicht gerechnet habe war, dass die Vermarktung der geernteten Ackerbohnen sich so schwierig darstelle, obwohl tierhaltende Futterbaubetriebe in der Nähe seien. Es mangele an aufnahmewilligen Futtermittelwerken. Eine gute Beratung innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette sei wichtig, so Stehr.

„Wenn die Futtermühlen noch zurückhaltend sind, muss der Handel zwischen Landwirten angekurbelt werden, so wie es im NRW Projekt 'Vom Acker in den Futtertrog' seit drei Jahren gemacht wird. So lassen sich auch faire Preise für beide Seiten erreichen“, sagte Christoph Dahlmann, AbL-NRW-Projektleiter vom „Acker in den Futtertrog“.

Georg Heitlinger von der Eiererzeugergemeinschaft „Die Eierhöfe“ in Baden-Württemberg stellte vor, wie in dieser Erzeugergemeinschaft auf Gentechnik im Futter bewusst verzichtet wird und dabei gezielt regionale Leguminosen (Erbsen und heimische Soja) zu mindestens fünf Prozent eingesetzt werden. Dafür würde ein deutlich höherer Preis verlangt und auch erzielt. Das sei jedoch schwierig, wenn Discounter Eier zu Dumpingpreisen auf den Markt schmeißen würden, so Heitlinger. Die Strategie der Kostenführerschaft sei für solche Projekte hinderlich, notwendig sei vielmehr eine Strategie der Erzeugerpreisführerschaft.

Oswald Henkel, Vorsitzender der Vereinigung der hessischen Direktvermarkter, machte deutlich, wie Bauern und Bäuerinnen über Eigeninitiativen zu Marktpartnern auf Augenhöhe werden und wie mit einer erfolgreichen Vermarktungsstrategie Erzeuger dafür gewonnen werden können, gentechnikfreie Futtermittel einzusetzen. In der abschließenden Podiumsdiskussion skizzierte Maria Heubuch, EU-Abgeordnete der Grünen, dass man für eine entwicklungspolitisch kohärente Agrar- und Handelspolitik um das Thema heimischen Leguminosen-Anbaus nicht herumkomme. Dafür müsse in Zukunft das Thema breiter in der öffentlichen und politischen Debatte eingebracht werden. Zudem sei eine verbindliche Gentechnik-Kennzeichnung in Zukunft auch bei tierischen Lebensmitteln notwendig, also bei Fleisch, Milch und Eiern von Tieren, die mit gentechnisch veränderten Futtermitteln gefüttert worden sind. Durch eine solche Kennzeichnung erhielten die Verbraucherinnen und Verbraucher erst die geforderte Wahlfreiheit, und der Einsatz von gentechnisch verändertem Soja würde noch stärker unter öffentlichen Druck geraten, erwartet Heubuch.

Bernd Schmitz, stellvertretender AbL-Vorsitzender, sagte: „In der Fütterung ist es notwendig, eine von internationalen Handelsströmen und Konzernen unabhängigere Eiweißversorgung sicherzustellen. In der Milchwirtschaft ist dafür neben den Körnerleguminosen die Förderung einer Grundfutterversorgung über Klee und Weidewirtschaft entscheidend. Gras geben, statt Gas geben ist dafür das Motto“, so Milchviehhalter Schmitz.

Die AbL nehme ihre Verantwortung wahr, das in die Debatte mit einzuspeisen. Dr. Knut Schubert vom Deutschen Verband Tiernahrung (DTV) gab die Einschätzung, dass derzeit noch eine kritische Masse an heimischen Körnerleguminosen fehle, damit das Gros der Futtermittelwerke in die Verarbeitung und Vermarktung einsteige. Wenn aber das Angebot zunehme, würden Futtermittelfirmen darauf reagieren und Ackerbohnen und andere Leguminosen in Futtermischungen integrieren.

In der Debatte gab es zwischen Politik, Handel und Praxis Einigkeit darüber, dass der Anbau heimischer Leguminosen gefördert und honoriert werden sollte. Verbesserungen beim Greening sowie ein flächendeckendes Angebot der Agrarumweltmaßnahme „Vielfältige Kulturen im Ackerbau“ sind dafür wichtige Instrumente, aber auch Beratung, Züchtung, Forschung, Vernetzung und Aufklärung.

Christoph Dahlmann, AbL NRW, Tel.: 02381-9053170

Berit Thomsen, AbL, Tel.: 02381-9053172

05.11.2014
Von: Pressemitteilung