Deutschland ist keine Insel im Milchsee

Molkereien lassen die Milchbauern im Stich

Auf der Handelsplattform Global Dairy Trade ist der Preis aktuell über fast  alle Milchprodukte vom ohnehin niedrigem Niveau noch einmal um über 10 % gesunken: www.globaldairytrade.info/en/product-results/

Mit dem Price-Index 566 wurde die Tiefstmarke des Krisenjahres 2009 (573) unterschritten. Damit zeigen alle Anzeichen auch für den Milchpreis in Deutschland steil nach unten, denn Anfang August werden die neuen Butter-Kontrakte mit dem Einzelhandel abgeschlossen. Wer wie der Bauernverband davon spricht, dass in Deutschland doch nur wenig mehr Milch gegenüber dem Vorjahr gemolken wird, streut den Milchbauern Sand in die Augen. Die verheerende Wirkung der gestiegenen Gesamtproduktion wird ausgeblendet, als sei Deutschland eine Insel im angewachsenen weltweiten Milchsee. Im Baltikum werden aktuell 16 Cent für die Milch an die Erzeuger gezahlt und aus Fachkreisen heißt es, aus Frankreich und Belgien wird Milch für unter 20 Cent auf dem Markt angeboten.

Besonders die Genossenschaftsmolkereien sind fahrlässig mit der neuen Situation nach dem Ende der Quotenregelung umgegangen. Wachstumsaussichten für die Milchindustrie auf dem Weltmilchmarkt heißen nicht, dass Milchbauern damit Geld verdienen. Keinerlei Limit für die Milchanlieferung führt zum Druck bei der zu verkaufenden Menge und nötigt zu billigen Verkaufsangeboten an den Einzelhandel. Mit den vollmundigen Versprechungen, wenn der Discount nicht bezahlt, werde die Milch nach China geschickt, wurde Bauernfängerei betrieben.

Der zuständige Minister Schmidt schaut tatenlos zu, denn es gibt keine Milchkrise laut seinem Ministerium. Ebenso hilflos und tatenlos reagieren auch Bauernverband und Molkereiwirtschaft. Obwohl  neue Konzepte zur Krisenbewältigung auf dem Tisch liegen, setzen sie auf die alten, wirkungslosen Instrumente aus der Mottenkiste.

Die Zeche zahlen allein die Bauernfamilien, zuerst mit ihren Rücklagen und dann mit ihren Höfen.  Der Bauernverband und die eng mit ihm verflochtenen Genossenschaften gefährden die von Bauern eigen finanzierte Landwirtschaft und öffnen Investoren von aussen Tür und Tor.

Besonders große Betriebe in Ostdeutschland, aber auch stark gewachsene Betriebe mit hohem Kapitaldienst in den norddeutschen "Gunstregionen" sind dafür anfällig, von ausserlandwirtschaftlichem Kapital regelrecht übernommen zu werden.

Es braucht wohl erst wieder massive Proteste, um ein anderes Denken anzustossen.

Ansprechpartner: Ottmar Ilchmann, Milchbauer und Bundesvorstand der AbL: 0176/45000760.

AbL-Milch-Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung des Bundestages „Instrumente für Krisenintervention und -management auf dem Milchmarkt“ am 23. März 2015.

Artikel im kritischen Agrarbericht 2015: Milchpoker (Interview mit Ottmar Ilchmann) und Globaler Gigantismus (Eckard Niemann)

16.07.2015
Von: Meldung