Milchmarkt: Statt im Stall auf der Straße

Kommentar

Es war absehbar. Mit dem Wegfall der Quote setzte eine gefährliche Überproduktion und somit ein dramatischer Preisverfall ein. Nicht absehbar ist, wie lange dieser Preisverfall andauern wird.

Es gibt nur einen Weg, den Milchpreis wieder anzuheben und der heißt Mengenanpassung – Angebot und Nachfrage müssen im Einklang stehen.

Aber es gibt zwei Wege, dieses Ziel zu erreichen.

Der erste Weg sieht Rahmenbedingungen vor, um europaweit die Milchmenge an den Bedarf anzupassen. Um das von der Politik einzufordern, sind die Bauern zurzeit europaweit auf der Straße. Auch jeder einzelne Milchbauer zu Hause muss Verantwortung übernehmen, weniger melken und damit eine positive Veränderung hin zu höherer Lebensleistung, weniger Kraftfutter und gesünderen Tieren einleiten.

Der zweite, von Bauernverband und Bundesregierung angestrebte, Weg heißt: Strukturwandel. Auf deutsch: Bauern werden in die Pleite getrieben und müssen somit ihre Milchproduktion einstellen.

Schmidt und Merkel sind die entscheidenden Verfechter dieser, wie sie es nennen, Marktliberalisierung. In einem Antwortschreiben aus dem Hause Schmidt wurde das vom EMB geforderte Marktkriseninstrument zur Mengenanpassung abgelehnt.

Begründung:

  • Die individuelle Entscheidungsfreiheit von Erzeugern wird beschränkt

  • Der Marktzugang neuer Erzeuger wird erschwert

  • Rückwirkungen auf andere Agrargütermärkte sind wahrscheinlich

  • Die Wohlfahrtseffekte sind negativ (v. a. Verbraucher)

  • Der Strukturwandel wird gehemmt und eine effiziente Ressourcenallokation kann nicht stattfinden

  • Der Sektor ist nicht effizient

  • Abkopplung des inländischen Sektors vom Weltmarkt

  • Aufwändige Administration mit zusätzlichen Kosten

Dass der EMB-Vorschlag funktionieren würde, geben sie zu, denn sie halten Auswirkungen auf andere Agrarbereiche für wahrscheinlich. Sie wollen aber keine bäuerliche Landwirtschaft mehr, sondern eine industrialisierte Agrarwirtschaft.

Sie wollen eine effiziente Ressourcenallokation, das heißt, eine Anhäufung des Bauernlandes in den Händen einiger weniger. Nur so können industrielle Neueinsteiger mit 1.000er Kuhställen an das Land der Bauern kommen.

Täglich erleben die Bauern, wie ihre Höfe bewusst von dieser Politik in den Ruin getrieben werden. Wir Milchbauern Europas lassen uns das nicht länger bieten. Auch die Gesellschaft ist auf unserer Seite. Vor allem, wenn wir Bauern bereit sind, auf Qualität, Regionalität, Umwelt und Tierwohl zu setzen.

Der Bauernverband tut sich zunehmend schwer, seine Mitglieder mit Hinhalteparolen wie „Der Markt wird es richten“, „Wir müssen den Export ausweiten“, „Die Interventionsschwelle muss angehoben werden“ etc. zu beruhigen. Dies zeigte sich in Brüssel, als die übergroße Mehrheit der angereisten Bauern einer angekündigten Bauernverbandsdemo den Rücken kehrte und sich stattdessen der Demo der unabhängigen Milchbauernverbände unter der Leitung des EMB für faire Erzeugerpreise und entsprechende Rahmenbedingungen anschloss.

Die AbL fordert die Bauernverbandsspitze auf, eine zukunftsträchtige Politik für eine bäuerliche, eigentümergeführte Landwirtschaft, für eine artgerechte Tierhaltung und für faire Erzeugerpreise nicht länger zu torpedieren.

Wir müssen gemeinsam mit allen Bauern dafür sorgen, ein auskömmliches Einkommen auf die Höfe zu bekommen, damit ist immer auch ein Abbau der preisdrückenden Überschüsse verbunden. Wir müssen die Politik massiv in die Pflicht nehmen. Die grünen Agrarminister wollen unsere Forderungen nach Milchmengenanpassung vertreten und wir werden sie unterstützen. Auf geht’s zur Agrarministerkonferenz Anfang Oktober in Fulda.

01.10.2015
Von: Johanna Böse-Hartje, AbL-Milchbäuerin

Johanna Böse-Hartje, AbL-Milchbäuerin