Landwirtschaft im Klimawandel – Täter und Opfer zugleich

Die Rolle der Landwirtschaft im Klimawandel ist vielschichtig

Viele Milchbäuerinnen und Milchbauern in Mittel- und Süddeutschland machen sich dieses Jahr Sorgen um die Futterversorgung ihrer Kühe, da das Gras einfach nicht gewachsen ist. Ob trockene Frühjahre oder nasse Sommer, Überschwemmungen oder Dürre – das Wetter verändert sich, auch bei uns, und die Extremwetterereignisse nehmen zu. Wir haben Klimawandel! Darauf muss sich die Landwirtschaft weltweit einstellen durch eine Vielzahl von Maßnahmen wie z. B. Sortenwahl oder Bewässerungsmanagement. Viele Bäuerinnen und Bauern in den Ländern des Südens sind noch weit mehr betroffen als wir.

Dabei trägt die Landwirtschaft selbst auch zum Klimawandel bei. Der Anteil der Treibhausgas (THG)-Emissionen, die sich laut Umweltbundesamt direkt der Landwirtschaft zuordnen lassen, betrug in Deutschland im Jahr 2010 7,1 %. Bei Einbeziehung der indirekt mit der Landwirtschaft im Zusammenhang stehenden Emissionen erhöht sich dieser Anteil auf rund 12,9 %. Weltweit betrachtet liegen diese Zahlen deutlich höher. Laut Weltklimarat trägt die Landwirtschaft zu 10–12 % der weltweiten THG-Emissionen bei. Dazu zählen vor allem Lachgas und Methan, wovon mehr als die Hälfte im landwirtschaftlichen Sektor entstehen. Die Methanemissionen resultieren z. B. aus der Verdauung der Wiederkäuer, der Festmistlagerung und Nassreisanbau. Hauptursachen für Lachgasemissionen sind mineralische Düngung, verdichtete Böden und Staunässe.

Das globale industrielle Ernährungssystem verursacht laut einer Studie von GRAIN sogar insgesamt 44–57 % der Klimagase. Sie entstehen durch Waldabholzung für Ackerflächen, Herstellung von Kunstdüngern und Spritzmitteln, Transport, Lagerung, Kühlung und Müll. Dazu gibt es jetzt einen englischsprachigen Erklärfilm von La Via Campesina und GRAIN.

Beim Klimagipfel in Paris (COP21) werden die Regierenden der Welt im Dezember erneut über Ziele und Strategien zur Eindämmung des Klimawandels beraten. Häufig wurde in der Vergangenheit das Zwei-Grad-Limit genannt, da eine Erderwärmung von über zwei Grad verheerende Nebenwirkungen für die Menschheit und die Ökosysteme zur Folge hätte. Leider ist es nicht selbstverständlich, dass sich die Politik zur Klimagerechtigkeit bekennt. Vor allem spielt Landwirtschaft leider bislang keine große Rolle bei den Verhandlungen. Alles hängt davon ab, ob die Zivilgesellschaften der Welt aufstehen und von den Regierenden den Schutz des Klimas einfordern.

Die Klima-Allianz, ein breites Bündnis von vielen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen, zu dem seit diesem Jahr auch die AbL gehört, fordert in einem aktuellen Positionspapier zur Klimakonferenz als dritten von acht Punkten die nachhaltige Reduktion von Emissionen der Landwirtschaft. Auch die neuen Nachhaltigkeitsziele der UN für das Jahr 2030 weisen eine nachhaltigere Landwirtschaft als Lösungsweg aus.

In einem Appell an Politik und Gesellschaft anlässlich des Klimagipfels fordern die Bäuerinnen und Bauern der AbL und der Bioverbände verbindliche, massive und wirksame Maßnahmen zur Begrenzung der THG-Emissionen, da in einem chaotischen Klima keine ausreichende Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln gewährleistet werden kann. In der vermeidbaren Gefährdung der Grundlagen landwirtschaftlicher Erzeugung sehen sie einen nicht legitimierten Eingriff in die Eigentumsrechte der Bauern weltweit.

La Via Campesina ruft ebenfalls zu Demonstrationen beim COP21 auf und entlarvt „klimasmarte Landwirtschaft“ als falsche Lösungen der (Agrar-)Industrie. Aus Sicht der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern wäre vor allem die konsequente Umsetzung von Ernährungssouveränität basierend auf bäuerlicher Agrarökologie und lokalen Versorgungssystemen eine echte Lösung der Klimakrise.

Dabei wird auch deutlich, dass die Klimadiskussion nicht die anderen kritischen Punkte ausblenden darf. Der Klimawandel ist für Forscher wie Professor Johan Rockström nicht die schlimmste Gefährdung des sicheren Operationsbereichs der Menschheit: Die Grenzen des Planeten sind längst überschritten beim Verlust der Artenvielfalt und beim Stickstoffkreislauf!

Die Landwirtschaft muss also zum Klimaretter werden. Den mit Abstand größten Beitrag könnte dabei die Bindung von CO2 im Boden durch Humusaufbau und klimaschonende Bodenbewirtschaftung leisten. Aber auch das Einsparpotential durch die Reduktion der THG-Emissionen, die z. B. durch den intensiven Einsatz von mineralischem Stickstoffdünger entstehen, ist sehr hoch.

Aus Klimasicht wäre es aber auch immens wichtig, den Fleischverbrauch zu senken, erklärt u. a. der Sachverständigenrat für Umweltfragen. So wie z. B. Rindfleisch momentan in Deutschland produziert wird, hat es mit bis zu 28 Kilogramm CO2-Äquivalenten pro Kilogramm Produkt den höchsten Ausstoß an Klimagasen im Lebensmittelvergleich (Kartoffeln: 0,2 kg; Kuhmilch: bis 2,4 kg).

Mit industrieller Massenproduktion, die das Klima durch die Produktion von Futtermitteln und den Einsatz von mineralischen Düngemitteln belastet, hat eine bäuerlich ökologische Rinderhaltung dagegen nichts gemein. Sie bedeutet idealerweise nachhaltiges Weidemanagement (und damit die bewusste Pflege und den notwendigen Erhalt der Grünlandböden als Kohlenstoffspeicher), durch Zweinutzungsrassen die Milch- und Fleischerzeugung wieder zu verknüpfen sowie auf Kraftfuttereinsatz zu verzichten.

Klimafreundliche Landwirtschaft und Ernährung heißt also auch, viel mehr auf pflanzliche Nahrungsmittel zu setzen, weil wir bei konsequentem Handeln gar nicht mehr genug Fläche zur Verfügung hätten, um so viel Fleisch wie im Moment zu konsumieren. Durch die derzeitige Auslagerung eines Großteils der Futtermittelproduktion werden auch die THG-Emissionen ausgelagert, was in Klimabilanzen der Industrieländer meist nicht auftaucht.

Also alle wissen eigentlich Bescheid, und trotzdem werden in Paris wahrscheinlich wieder keine ausreichenden Entscheidungen getroffen. Warum eigentlich nicht?

Auch wenn der Fokus oft auf den Automobilherstellern als Klimaverweigerern liegt: Auch die Ernährungs- und besonders die Fleischindustrie haben sicherlich kein Interesse an einer ernsthaften Klimadebatte. Weder Konzerne wie der weltgrößte Düngemittelhersteller Yara noch Fleischgiganten wie Tönnies wollen Umsatzeinbußen in Kauf nehmen und setzen deshalb ihr politisches Gewicht ein, um wirksame Maßnahmen zu verhindern.

Wenn wir uns als AbL dafür einsetzen, dass die Agrar- und Ernährungspolitiken stärker auf die Klimaschutzziele ausgerichtet werden, sind wir uns daher auch in diesem Kampf darüber im Klaren, dass dem vor allem die Profitinteressen der Konzerne entgegenstehen. Diese für das Treibhaus Europa verantwortlichen Konzerne immer wieder öffentlich zu benennen, ist – neben dem klimafreundlichen Wirtschaften und dem Einsatz für Ernährungssouveränität – eine wichtige Aufgabe der bäuerlichen Bewegung und ein wichtiger Schritt für ein besseres Klima!

27.10.2015
Von: Rebecca Simon und Henrik Maaß, junge AbL