Gegen unfairen Wettbewerb durch ausgelagerte Kosten aufbegehren

Schweinemarkt zwischen Tierwohl, Export, Hofaufgabe und Qualitätswachstum

Das klang hart: „Da müssen Bauern sich doch wehren, gegen den unfairen Wettbewerb kämpfen und sich da auch gegen Berufskollegen wenden!“ Diese provokante Aufforderung stammt von Professor Albert Sundrum, Fachgebietsleiter für Tierernährung und -gesundheit an der Universität Kassel. Auf der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Nordrhein-Westfalen am 9. März setzte er sich für einen Qualitätszuwachs bei der Schweinefleischerzeugung ein. Verschiedene Produkt- und Prozessqualitäten müssten auch preislich mit einem deutlichen Unterschied honoriert werden. Den unfairen Wettbewerb sieht Sundrum durch einen unterschiedlichen Beitrag der Fleisch erzeugenden Betriebe zur insgesamt bestehenden Übernutzung von Gemeinwohlgütern gegeben. Egal ob Bäuerinnen und Bauern sich im Produktionsprozess mehr um Verbraucher-, Umwelt- und Tierschutz bemühen oder weniger: „In Deutschland wird am Markt größtenteils ein Basispreis für Schweinefleisch gezahlt. Nur die untere Qualitätsgrenze ist durch Mindeststandards definiert. Selbst dieser Preis ist zur Zeit nicht kostendeckend und die Situation der Betriebe schlecht.“ Die gängigen Strategien: Entweder setzen die Bäuerinnen und Bauern auf besondere Qualität, wenn damit stabile höhere Preise erzielt werden können. Oder sie senken die Kosten – auf Kosten gemeinschaftlicher Güter und Interessen. Die Kosten der Auswirkungen von deren Übernutzung werden so externalisiert und von der Allgemeinheit bezahlt. Die Ausnutzung von Mengeneffekten führt schließlich auch zur Übernutzung der Absatzmärkte. „Da müssen sich doch die Betriebe, die mehr Aufwand betreiben, dafür einsetzen, dass das reguliert wird“, meint Sundrum und schlägt vor, die Erzeugerpreise zu unterteilen nach dem Grad der Beeinträchtigung von Aspekten im Interesse des Gemeinwohls. Klare, einfach zu erhebende Indikatoren fordert er für die drei Bereiche Verbraucherschutz (Emission pathogener Keime und Antibiotikaeinsatzmengen), Umweltschutz (Nährstoffeffizienz und -austräge), Tierschutz (Schlachthofbefunde an Tierkörper und -organen).

Woran macht sich Tierwohl fest?

Auch die Schlachtunternehmen haben lange Zeit recht einseitig auf Effizienz und Kostensparen gesetzt, wie Dr. Wilhelm Jaeger, bei der Firma Tönnies Ansprechpartner für die Landwirtschaft, erklärte. Technische Lösungen in den Prozessabläufen hatten das Ziel günstige, einheitliche Lebensmittel herzustellen. Die Qualität einer handwerklichen Schlachtung und Verarbeitung von langsam wachsenden Tieren sei eine andere. Doch die Produktqualität käme mittlerweile wieder in den Fokus. Auch die Prozessqualität im Bereich Tierwohl sei dem Unternehmen wichtig. „Befunddaten erheben wir seit 2002 und stellen sie den Betrieben im Vergleich zum Schlachthofmittel online zur Verfügung“, so Jaeger, „aber einfach nur den Besten mehr zu zahlen, schien uns zu einfach. Das Niveau soll sich insgesamt verändern und entwickeln. Jeder Betrieb kann mehr Tierwohl umsetzen, aber über Investitionen wird an der Kasse entschieden. Deshalb beteiligen wir uns an der Brancheninitiative Tierwohl.“ Ein anwesender Schweinehalter riet jedoch: „Machen Sie das: Zu- und Abschläge je nach Befunden zahlen. Wenn das finanzielle Auswirkungen hat, dann reagieren die Bauern und verändern was. Zur Zeit hat es keine Bedeutung. Aber dann setzen sie von ganz allein geringere Besatzdichten und mehr Platzangebot oder andere förderliche Maßnahmen um, so wie es hilfreich ist.“ Dazu bräuchte es Überlegungen, wie ein Bewertungssystem fair und unabhängig von unterschiedlichen Schlachthofgegebenheiten gestaltet werden kann. Eine kritische, zur umsichtigen Abwägung ratende Stimme betonte außerdem: „Der reine Blick auf Befunddaten ist einseitig. Was mache ich, wenn ich dem Tier ermöglichen will, im Freiland zu laufen, um ihm sehr weitgehend arteigenes Verhalten zu ermöglichen – dafür aber etwas mehr Parasitenbefall zu verzeichnen habe?“ Und wie sieht es aus mit der Machbarkeit der intensiven Datenerhebung und -aufbereitung für regionale, handwerklich geprägte Fleischverarbeiter?

Qualitätsmärkte schaffen

Für den Aufbau von höherpreisigen Qualitätsprogrammen und -märkten wies Jaeger darauf hin, dass zum einen Verbindlichkeit durch langfristige Zusagen für die LandwirtInnen notwendig sei, damit sie sich auf besondere Aufwendungen einstellen könnten. Hinzu kämen spezifische Herausforderungen ganz praktischer Art: „Die Kunden müssen sich von drei Dingen verabschieden: 1. Eine Aktionsvermarktung ist nicht möglich – dafür gibt es nicht plötzlich mehr Tiere; 2. Die Tiere wachsen unterschiedlich, d. h. es gibt Variation bei den Fleischstücken, die gewohnte korrekte Sortierung läuft sonst über die Menge und unterschiedlichste Verarbeitungsschienen; 3. Es gibt nicht nur Edelteile, es braucht die regionale Komplettvermarktung der Schlachtkörper mit einem passenden Artikelsortiment. Das muss kommuniziert werden und bedeutet Aufwand.“ Diesen zu betreiben sieht Hugo Gödde, Geschäftsführer von Neuland West, als unbedingt notwendigen Weg: „Das wichtigste und schwierigste, was wir erreichen müssen, ist eine Marktdifferenzierung.“ Der Handel wehre sich. Doch der Biomarkt als Beispiel stimme ihn optimistisch, dass sich Qualitätsmärkte für Fleisch mit Geduld langfristig durchsetzen lassen. Denn, so Gödde, „mehr Tierwohl umsetzen reicht nicht aus. Dabei müssen auch bessere Preise für die Bauern herauskommen.“

01.04.2016
Von: cw