Großbaustellen bei Bayer

Online-Hauptversammlung und breiter digitaler Protest

Gespenstische Leere auf dem Vorplatz des Bonner World Conference Center am 28. April. Keine gut betuchten Aktionäre, die in der Schlange stehend auf Einlass warten. Keine vorfahrenden Trecker mit ausdrucksstarken Protestbannern, keine politische Gegenkundgebung. Stattdessen eine Mahnwache der Coordination gegen Bayer Gefahren in ausreichendem Abstand. In diesem Jahr fand aufgrund der Corona-Krise die Bayer-Hauptversammlung „online“ statt und konnte per Livestream verfolgt werden. Eine direkte Auseinandersetzung mit kritischen Aktionären wurde so unterbunden.

Dabei hat Bayer weiterhin viele Baustellen, die Kritik ebbt nicht ab. Mit der Übernahme Monsantos ist Bayer zum größten Saatguthersteller (ca. 29 % des globalen Saatgutmarktes) und zweit größtem Pestizidhersteller (ca. 23 %) aufgestiegen. Zudem hält Bayer 25% der erteilten Patente auf Saatgut. Gleichwohl macht Glyphosat, das umsatzstärkste Produkt des Hauses, Bayer weiterhin große Sorgen. In den juristischen Auseinandersetzungen in den USA ist ein erster Vergleich geschlossen – hier ging es um „irreführende Vermarktung“, Monsanto verschwieg Gesundheitsrisiken auf den Round-up-Etiketten. Zur Einigung gehört, dass der Konzern nun bestimmte Änderungen bei der Etikettierung vornehmen muss. Kosten für Bayer: 35,8 Millionen Euro. Das zuständige Gericht im Bundesstaat Missouri muss dem Kompromiss noch zustimmen.

Glyphosat-Klagen

Zusätzlich ist Bayer mit mindestens 52.500 US-Klagen wegen möglicher Krebsrisiken von Roundup konfrontiert, zudem gibt es erste Sammelklagen in Kanada. Drei Prozesse hat Bayer in den USA verloren und muss hohe Schadenssummen –von jeweils über 80 Millionen Euro zahlen. Der Konzern hat in allen drei Verfahren Berufung eingelegt, um die Schuldsprüche aufheben zu lassen. Bayer argumentiert, bei sachgemäßer Anwendung sei Glyphosat sicher. Weitere Klageverfahren sind vertagt worden, hinter den Kulissen laufen schon länger Vergleichs­gespräche mit sechs Anwaltskanzleien. Eine Einigung wurde zur Bayer-Hauptversammlung erwartet, aber aufgrund von Corona seien keine weiteren Gespräche möglich gewesen, erklärte Bayer. Normalerweise führen Vergleiche bei Arzneien oder Verbrauchsgegenständen dazu, dass die Produkte mit einem Warnhinweis versehen oder ganz vom Markt genommen werden, doch bei­des ist für Bayer keine Option. Eins von Bayers Zielen in den Vergleichsverhandlungen ist das Erreichen eines Stillhalte-Abkommens mit den Anwälten, die die Kläger vertreten. Sie sollen in Zukunft auf Werbung für weitere Klagen gegen Glyphosat verzichten. Für den Rechtswissenschaftler David Noll bewegt sich eine solche Vereinbarung an den Grenzen der Kartell- und Anwaltsvorschriften, die auf Kosten möglicher künftiger Kläger getroffen wird. In Europa hat Bayer zusammen mit Syngenta und anderen Herstellern Glyphosat-haltiger Produkte einen Antrag auf Wiederzulassung gestellt, da die Zulassung Ende 2022 ausläuft. Während Bayer sich optimistisch zeigt, erklärte eine Sprecherin des Bundeslandwirtschaftsministerium gegenüber Proplanta, dass man auf ministerieller Seite an ihrem Ziel, den Glyphosat-Einsatz 2023 zu beenden, festhalten würden. Bernd Schmitz, AbL-Landesvorsitzender aus NRW, sagt dazu: „Die Wiederzulassung dient rein den Profitinteressen von Bayer. Unter vielen ackerbaulichen, Umwelt- und Gesundheitsaspekten ist es kontraproduktiv. Bauern beweisen schon heute, dass nachhaltiger Ackerbau auch ohne Glyphosat funktioniert“.

Dicamba-Drift

Da Glyphosat an Wirkung verliert und immer mehr Ackerkräuter resistent werden, hat Monsanto – jetzt Bayer – gentechnisch veränderte Soja- und Baumwolle entwickelt, die gegen Dicamba resistent sind. Dicamba ist ein Herbizid, welches das Wachstum von zweikeimblättrigen Pflanzen so sehr beschleunigt, dass sie aufgrund der resultierenden Nährstoffunterversorgung absterben.  Dicamba ist bei bestimmten Temperaturen leicht flüchtig und kann über weite Strecken auf andere Felder getragen werden (Abdrift). Pflanzen, die nicht resistent sind, werden geschädigt oder sterben ab. Seit Anbau der neuen Dicamba-resistenten Gentechnik-Pflanzen haben Farmer in mehreren US-Bundesstaaten auf einigen Millionen Hektar Schäden gemeldet. Einige der Bundesstaaten haben daraufhin die Verwendung von Dicamba verboten. Laut Bayer gibt es mittlerweile 170 Klagen in den USA. Das erste Verfahren hat ein Pfirsichanbauer aus Missouri, dessen 30.000 Pfirsichbäume beschädigt wurden, gewonnen. Bayer wurde zu Schadenersatz und Strafzahlungen von 265 Millionen US-Dollar verurteilt.  Aus Prozessunterlagen, die der Zeitung „The Guardian“ vorliegen, wird deutlich, dass Bayer darauf spekuliert, dass Farmer, die Dicamba-Schäden auf ihren Feldern haben, zukünftig Dicamba-resistentes Saatgut kaufen, um weitere Schäden zu verhindern.   

Neue Geschäfte

Vielversprechende Geschäfte wittert Bayer bei den neuen Gentechnik-Verfahren. Frühzeitig hat der Konzern u.a. eine Kooperation mit CRISPR-Therapeutics, dem Startup einer der Erfinder*innen von CRISPR/Cas-9 geschlossen. Damit hat sich Bayer die Nutzung dieses neuen Gentechnik-Verfahrens für den Pharma- und Agrarbereich gesichert. Auch bei den Patentanmeldungen mischen Bayer und die Tochterfirma Calyxt kräftig mit. Zusammen hatten sie 2018 bereits mehr als 50 Patente angemeldet.  Klassische Züchtungsunternehmen wie Rijk Zwaan oder die KWS Saat AG haben nur 2 bzw. 1 Patent angemeldet. Politisch drängt Bayer die Bundesregierung und die EU-Kommission dazu, dass die neuen Gentechnik-Verfahren nicht als Gentechnik reguliert werden müssen.  „Dieses Vorgehen macht auch hier das große kommerzielle Interesse von Bayer deutlich“, sagt Bauer Bernd Schmitz, „die Gentechnik durch die Hintertür auf unseren Äckern und in unseren Ställen einzuführen. Ohne Rückverfolgbarkeit und Transparenz bleiben Bäuerinnen und Bauern auf Schäden sitzen, die Wahlfreiheit würde torpediert und es gebe keine verpflichtende Risikoprüfung dieser ganz neuen Verfahren. Die AbL fordert dagegen die Umsetzung des Vorsorge- und des Verursacherprinzips, wie es im EU-Recht klar verankert ist.“

Fester Bestandteil in Bayers Portfolio ist der Bereich „Digital Farming“. Bayers Plattform für digitale Landwirtschaft „Climate FieldView™“ wird in mehr als 20 Ländern vertrieben und auf mehr als 38 Millionen Hektar eingesetzt. Das mit dem Einsatz verbundene Versprechen sind datengestützte Entscheidungen zur Produktivitätssteigerung. Eine erste Anwendung ist der „Seed Advisor“, der regionale Saatgut-Performance-Daten mit der firmeneigenen Saatgutbibliothek kombiniert, um den Nutzern entsprechende Entscheidungshilfen zu geben. So schreibt es Bayer auf der Konzernhomepage. Ende 2019 ist Bayer eine digitale Partnerschaft mit dem Landtechnikunternehmen CLAAS eingegangen, die Landwirten eine Anbindung und unbegrenzte Speicherung von maschinell erzeugten agronomischen Daten auf ihrem FieldView Konto ermöglichen soll.

Zu „smart farming“ passt Bayers online Hauptversammlung. Auch die Gegenproteste verlagerten sich dieses Jahr ins digitale Netz – leiser waren sie deshalb nicht.

 

01.05.2020
Von: Annemarie Volling, Unabhängige Bauernstimme (5/2020)

Virtueller Protest gegen Bayer und Konzern-Chef werner Baumann. Foto: Volling