Weltnaturschutzunion bekennt sich zum Vorsorgeprinzip

Auf dem Weltkongress des weltweit größten Netzwerks staatlicher und zivilgesellschaftlicher Naturschutzinstitutionen und -organisationen, der Weltnaturschutzunion IUCN, in Marseille wurde unter anderem über einen umstrittenen Antrag abgestimmt, der den Einsatz von Gentechnik im Naturschutz in Frage stellt.

Mit der Verabschiedung wichtiger Änderungen an der sog. „Resolution 075“ der IUCN-Mitglieder wird anerkannt, dass es große Daten- und Wissenslücken sowie ungelöste ethische, soziale, kulturelle und ökologische Fragen im Zusammenhang mit den Gene-Drive-Technologien gibt, die zur gentechnischen Veränderung wildlebender Arten entwickelt werden. Die Resolution 075 legt fest, dass diese Ungewissheiten die Anwendung des Vorsorgeprinzips erfordern und bei jeder Position, die die IUCN zu diesem Thema einnehmen wird, berücksichtigt werden müssen. In diesem Zusammenhang kamen die IUCN-Mitglieder auch überein, den Perspektiven, dem Wissen und den Rechten indigener Völker und lokaler Gemeinschaften bei ihren Beratungen über diese Technologien in den kommenden drei Jahren Priorität einzuräumen.

Vertreter:innen der Zivilgesellschaft begrüßten das Bekenntnis der IUCN zum Vorsorgeprinzip und die Absicht, das Verständnis und die Diskussion unter den Mitgliedern über den Einsatz gentechnischer Verfahren für den Naturschutz zu fördern. „Ein breiter und inklusiver Diskussionsprozess der IUCN wird entscheidend sein, um das Bewusstsein der IUCN-Mitglieder dafür zu schärfen, dass der Eingriff in die natürlichen Evolutionsregeln bei der Anwendung der Gene-Drive-Technologie eine neue Dimension des Eingriffs in die natürliche Welt - und deren irreversible Veränderung - mit sich bringt, die die IUCN selbst bewahren will," so Mareike Imken, Koordinatorin der europäischen Kampagne Stop Gene Drives.

Bis zum nächsten Weltnaturschutzkongress im Jahr 2024 soll mit allen Beteiligten eine Position zur Nutzung der synthetischen Biologie im Naturschutz abgestimmt werden. Diese hätte auch eine erhebliche politische Wirkung auf die Debatte um die Regulierung und Risikobewertung neuer gentechnischer Verfahren wie Gene Drives, die unter dem Überbegriff „Synthetische Biologie“ im Rahmen der UN-Biodiversitätskonvention (CBD) geführt wird.

"Gene Drives können Arten für immer auslöschen oder verändern und die Ökosysteme, von denen das Überleben der Menschheit und der biologischen Vielfalt abhängt, erheblich stören oder verändern", sagt Dr. Ricarda Steinbrecher, wissenschaftliche Beraterin des IUCN-Mitglieds ProNatura. "Jede Freisetzung von Gene-Drive-Organismen birgt die Gefahr, ökologische Dominoeffekte mit unvorhersehbaren negativen Folgen auszulösen."

Gene Drives sind eine extreme Form der Synthetischen Biologie bzw. der Gentechnik. Sie zielen darauf ab, eine Wildpopu­la­tion oder ganze Tier- oder Pflanzenarten gentechnisch zu verändern, zu ersetzen oder auszurotten. Bei einem Gene Drive werden die Regeln der Vererbung außer Kraft gesetzt und die Durchsetzung bestimm­ter Gensequenzen und Merkmale in einer Wildpopulation innerhalb weniger Generationen rasch er­höht. Vom Menschen ausgewählte Merkmale – wie absichtliche Unfruchtbarkeit oder die Selektion auf nur ein Geschlecht – sowie der gentechnische Mechanismus selbst werden mit einer künstlich hohen Rate an die Nachkommen weitervererbt.

"Gene-Drive-Entwickler planen, pestizidresistente Unkräuter genetisch zu forcieren, um sie wieder empfindlich gegen Pestizide zu machen. Dies und Berichte über die Finanzierung der Gene-Drive-Forschung durch die DARPA deuten darauf hin, dass sowohl die Landwirtschaft als auch militärische Interessen an synthetischer Biologie und Gene-Drives die Haupttreiber dieser Technologie sind. Die Vorschläge zur Erhaltung der Artenvielfalt sind in Wirklichkeit trojanische Pferde", sagt Dr. Joann Sy von der französischen Nichtregierungsorganisation POLLINIS, die sich für die Erhaltung von Bestäubern und Insekten einsetzt.

"Gesellschaftliche Gruppen und Forscher brauchen Ressourcen, um der IUCN dabei zu helfen, das zu erreichen, was in der Resolution gefordert wird - die volle Beteiligung der lokalen Bevölkerung an der Bewertung dieser potenziell extremen Vernichtungstechnologie", sagt Dr. Tom Wakeford, Europa-Direktor der ETC Group, einer Denkfabrik, die sich intensiv mit der Kritik an Gene Drives beschäftigt hat.

Stark kritisiert wurde, dass viele Mitglieder des globalen Südens nicht am IUCN-Kongress teilnehmen konnten, aufgrund der Reisebeschränkungen von COVID-19 und des fehlenden Zugangs zu Impfungen. Ali de Goamma Tapsoba, Präsident der in Burkina Faso ansässigen NGO Terre a Vie kommentierte: „Dies ist besonders skanda­lös, da die Umwelt und die Bewohner von Burkina Faso Gefahr laufen, zu Versuchskaninchen für die ersten Feldversuche mit dieser gefährlichen Gene Drives Technologie zu werden. Zivilgesellschaftliche Gruppen in Burkina Faso prangern den Einsatz von Gene Drives für die öffentliche Gesundheit oder den Naturschutz an. Wir haben unsere eigene Herangehensweise an diese Dinge und unterstützen Gene Drives in unserem Land nicht."

13.09.2021
Von: Nachrichtenbrief, Annemarie Volling