Frag doch mal

Eine Begegnung mit Landwirten beim Flashmob in Berlin

Es ist ganz schön windig auf dem Washingtonplatz vor dem Hauptbahnhof. Gerade eben haben hier Landwirtinnen und Landwirte für mehr Verständnis ihres Berufsstands getanzt. Sie wollen nicht mehr in die Ecke gestellt und als Tierquäler, Umweltverschmutzer und rücksichtslose Unternehmer dargestellt werden. Genau dies, so wurde wiederholt gesagt, würde auch auf der in wenigen Stunden beginnenden Demo „Wir haben es satt“ geschehen. Offen blieb, ob die gelben Warnwesten mit dem Aufdruck: „Frag doch mal den Landwirt; Wir machen Euch satt“ Passanten und Verbraucher zum Nachfragen ermutigen sollten. Die ca. 500 Landwirtinnen und Landwirte, unter ihnen viele Verbandsfunktionäre, die gekommen waren, blieben jedenfalls unter sich. Zu uniformiert und mit sich selbst zufrieden wirkte die Gruppe. Auch das Verteilen von abgepackten Mettwürsten und Käsewürfeln lockte die Passanten nicht zum Nachfragen. Ich selbst bin inzwischen auf dem Weg von dieser zu jener Demo. Auf der Fußgängerbrücke Richtung Kanzleramt treffe ich auf eine Gruppe von Jungbauern, die noch ihre gelben Warnwesten tragen. Direkte Ansprache, denke ich mir, ist wohl das Beste und starte mit einer provokanten Einladung: „Ich war bei euch jetzt kommt ihr mit zu uns!“ Die Fronten sind klar, hier braucht sich keiner zu verstecken. Auch das Zahlenverhältnis von acht zu eins spielt den Jungbauern in die Hände. Die direkte Reaktion bleibt aus und ich wiederhole meine Einladung. „Da werden wir verprügelt“, sagt einer ganz spontan. Die Antwort überrascht mich. Ist das sein Ernst? Hat er wirklich Angst? Welche Vorstellungen kursieren da in den Kreisen der Bauernverbandsmitglieder?

„Ihr solltet mitkommen, um zu sehen, was wirklich passiert, was gesagt und wofür demonstriert wird.“ Die Gegenseite bleibt still. „Was für einen Betrieb habt ihr denn zu Hause?“, spreche ich einen der jungen Landwirte direkt an. Kurze, knappe Antwort: „Wir haben Milchkühe.“ Er kommt aus Nordhessen, ein Familienbetrieb mit 150 Milchkühen, kann ich ihm noch entlocken und frage sogleich, wie er sich die Zukunft vorstellt. Spiegelt er seinen Stall oder macht er gleich richtig groß? Na, so 200 Stück müssten schon sein, wenn Vater und Sohn vom Hof leben wollten, sagt er. „Und das reicht, so mit fallendem Milchpreis und Quotenende?“ „Wir arbeiten an unserer Effektivität und erhöhen die Produktion“, bekomme ich trotzig zur Antwort. Was er zum aktuellen Milchpreisverfall denkt, möchte ich wissen. „Dass der Preis so schlecht ist, daran sind die Discounter schuld.“ Gut aufgepasst, denke ich, denn genau das hat der DBV die vergangenen Monate immer wieder behauptet. „Wenn ihr Unternehmer seid, müsst ihr doch den Preis eurer Ware bestimmen, Fendt verkauft seine Traktoren doch auch nicht mehr zum Preis von vor zehn Jahren“, mache ich einen weiteren Versuch, den selbstständigen Bauern zu finden, der sich nicht hinter Slogans versteckt. Die seien ja auch voller innovativer Technik, bekomme ich zur Antwort. „Und du“, frage ich, „arbeitest die ganze Woche inklusive Wochenende von morgens sechs bis abends. Ist das nichts wert?“ Die anderen hören aufmerksam zu, sagen aber nichts. Die Frage nach dem Wert ihrer Arbeit, dem ihrer Produkte hat sie nachdenklich gemacht. Wir streifen noch den Weltmarkt und die Produktionsbedingungen in Neuseeland, mit denen die nordhessischen Landwirte konkurrieren wollen, bevor die Gruppe Richtung Reichstag abbiegt. Ich bin irritiert über die Unterhaltung. Warum demonstrieren diese Bauern nicht bei uns mit? Fühlen sie sich als Massentierhalter angegriffen? In einem Boot mit Straathof. Wie weit geht die vom Bauernverband beschworene Einheit des Berufsstands? Dass so viele ihren eigenen Betrieb, die eigene Herkunft und Kultur vergessen, um für mehr Wachstumsdruck, weitere Industrialisierung und den Weltmarkt zu demonstrieren; dass nicht mehr differenziert wird; dass die Botschaft: „Wir sind die Fachleute –  wir wissen, was wir tun“ das letzte Wort ist, die Verbraucher doch bitte schön essen sollen, was produziert wird: „Wir machen Euch satt.“

 

Landwirtschaft für alle

Ich hoffe, dass Bauern in Deutschland und Europa auf die Wünsche der Verbraucher eingehen wollen; dass sie ihre Produkte zu fairen Preisen verkaufen wollen; dass sie mehr sind als Rohstofflieferanten der Lebensmittelindustrie, die mit den Discountern die Erzeugerpreise drückt. Es wird Zeit, offen zu reden, jetzt, da immer mehr Verbraucher und die Gesellschaft fragen, wo die Lebensmittel herkommen. Dass es unterschiedliche Vorstellungen gibt, darf kein Hinderungsgrund sein. Etwas mehr Selbstbewusstsein täte den Bauern gut. Denn sie sind es, die Lebensmittel produzieren. Aber sie tun es für die Verbraucher. Es ist höchste Zeit, aus den vermeintlich sicheren Burgen herauszukommen und am Bild einer zukunftsfähigen, gesellschaftlich akzeptierten Landwirtschaft zu arbeiten.

10.02.2015
Von: Marcus Nürnberger, unabhängige Bauernstimme