„Neuland kann Existenzen sichern und Zukunft gewinnen“

Ein Interview mit Hugo Gödde zur Neustrukturierung

Neuland hat einen überregionalen Markenverbund gegründet, in dem der Geschäftsführer der Neuland-Vermarktungs GmbH West, Hugo Gödde, eine leitende und koordinierende Rolle einnimmt.

 

Unabhängige Bauernstimme: Ein Markenverbund, was bedeutet das und wofür ist das gut?

Hugo Gödde: Der Markenverbund ist ein Zusammenschluss aller operativen Abteilungen von Neuland, also der Bauern, der Verarbeiter und Vermarkter und der Fleischer, das heißt also, ein Gremium mit Vertretern aus allen Bereichen. Es geht darum, die Interessen zu bündeln und im Hinblick auf den ideellen Teil des Programms, den die Trägerverbände AbL, BUND und Tierschutzbund darstellen, zu vertreten. Es geht um einen gemeinschaftlichen Markenauftritt in der Öffentlichkeit, aber auch darum, für interne Abläufe stärker Verantwortung zu übernehmen.

 

Warum kommt diese stärkere Vernetzung erst jetzt?

In seinem Ursprung war Neuland ein Programm für eine artgerechte und umweltschonende bäuerliche Tierhaltung; es wurde nicht ausreichend in den Blick genommen, was jenseits der Höfe geschieht. Auch durch die Schwierigkeiten im letzten Jahr wurden die Defizite erkannt und verändert. Jetzt gibt es auch Richtlinien für Schlachthöfe, für Vermarktung usw. Die waren bislang nur in Ansätzen da. Vor allem gibt es jetzt eine übergreifende Vernetzung. Das Instrument der Warenflusskontrolle wird die einzelnen Abteilungen, Erzeugung, Vermarktung etc., zusammenbinden. Das ist ein hoher Aufwand gerade für ein kleines Programm, wie wir es sind. Es müssen überschaubare Kosten bleiben ohne großen bürokratischen Apparat, das ist eine große Herausforderung.

 

Bestimmt der Markenverbund jetzt auch die Richtlinien?

Über die Richtlinien und ihre Kontrollen entscheidet nach wie vor der Neuland-Verein, also die Verbände, aber alle Beteiligten können sich einbringen. Der Markenverbund muss darauf achten, die Praktikabilität der Richtlinien zu erhöhen und ihre Umsetzbarkeit auf den Höfen. Es kann nicht darum gehen, theoretisch höchste Ansprüche aufzuschreiben, aber die Realität auf den Höfen, auf den Schlachthöfen und im Verkauf zu vergessen. Sonst wäre Neuland ein schönes Modell, aber keine echte Alternative. Das ist eine Problematik, die gibt es bei allen Programmen mit politischem Anspruch, auch bei Bio zum Beispiel.

 

Was sind denn die Herausforderungen der Zukunft?

Wir müssen die Chancen, die die aktuelle Diskussion um Tierschutz und Massentierhaltung in der Öffentlichkeit bietet, besser nutzen. Wir müssen noch besser darstellen, dass Neuland Standards setzt in der Tierhaltung und für Bauern, Fleischer, Küchen und Einzelhändler neben dem Biomarkt ziemlich einmalig ist. Wir versprechen uns von der größeren Verzahnung eine bessere Kommunikation, eine größere Transparenz. Die brauchen wir auch, um Vertrauen zurückzugewinnen. Bauern und Fleischer, die Investitionen tätigen wollen, aber auch Verbraucher müssen wissen, Neuland ist ein zuverlässiger Partner.

 

Muss es im Hinblick darauf auch wieder mehr Beratung geben?

Ja, sicherlich, sie muss den Betrieben bei der Umstellung helfen und danach permanent begleiten. Aber Beratung ist auch nicht alles; im Biobereich gibt es viele Berater und es passiert nicht viel in Sachen Umstellung. Die ist nicht einfach und auch nicht für jeden der richtige Weg. Das hängt immer sehr von den einzelnen Menschen und auch von der wirtschaftlichen Situation des Betriebs ab. Leider ist es so, dass der Anteil der Betriebe eher sinkt, für die eine Umstellung auf Neuland einfacher wäre, weil sie nicht vor ein paar Jahren einen großen konventionellen Stall gebaut haben. Aber man darf sich auch nicht bange machen lassen, es gibt noch viele bäuerliche Betriebe, über die eben keiner redet, die nicht die agrarpolitische Diskussion bestimmen, die aber mit Neuland eine Zukunft haben.

 

Ein Plädoyer für sehr individuelle Lösungen?

Jede betriebliche Lösung ist individuell und bedarf trotzdem einer gemeinschaftlichen Anstrengung. „Allein machen sie dich ein, nur gemeinsam sind wir stark.“ Diese Devise der Anfangszeit der AbL gilt gerade heute, wo die Solidarität in der Landwirtschaft immer mehr untergepflügt wird. Neuland war nie auf den Massenmarkt ausgerichtet, das können wir gar nicht. Wenn Handel und Verbraucher so etwas wollen, müssen wir uns echte Partner suchen, mit denen wir einigermaßen auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Derzeit bedienen wir ganz unterschiedliche Märkte, z. B. sind in Berlin die Fleischer das stärkste Klientel und in Köln wird mehr Umsatz über die neuen Burgerläden gemacht. Die dezentrale Struktur von Neuland entspricht dieser individuellen Anpassung. Wir entwickeln uns langsam, werden auch gerne mal als erfolglos gescholten, haben aber auch keine Millionen Euro von der Regierung dafür gekriegt wie andere. In weiten Teilen ist Neuland immer noch getragen von Idealismus und ehrenamtlicher Arbeit. Trotzdem ist es nach wie vor das ambitionierteste konventionelle Programm, führend in der artgerechten Tierhaltungsdebatte, was Ringelschwänze, betäubte Kastration, gentechnikfreie Fütterung usw. angeht. Jetzt wird wieder viel Engagement betrieben, um es zu modernisieren.

 

Und das Tierschutzlabel?

Ob sich das Label des Tierschutzbundes durchsetzt, wird die Zukunft zeigen, aber dass es trotz großer Unterstützung durch Regierung oder Konzerne wie Vion oder Wiesenhof nicht so einfach ist, speziell im Premiumbereich, ist ja in den letzten Jahren deutlich geworden. Dass die Kriterien für den Premiumbereich auf den 25 Jahre alten Neuland-Richtlinien basieren, zeigt gleichzeitig, wie gut und nachhaltig wir tatsächlich sind. Führende deutsche Wissenschaftler und internationale Marktexperten kommen zu nichts Besserem als den Neulandideen; nur: Umsetzen tun wir sie.

 

Eigentlich müssten das doch viel mehr als Betriebsperspektive sehen, oder?

Neuland ist kein Programm, um reich zu werden. Aber es ist in der Lage, Existenzen zu sichern und Zukunft zu gewinnen, für Bauern, aber auch für Fleischer und andere Märkte eine Alternative zum Wachsen oder Weichen. Wir lassen uns nicht auf Dumpingmärkte ein, agieren langfristiger. Wir konnten jetzt kontinuierlich Schweinepreise von 2,10 - 2,20 Euro pro Kilo zahlen, während der konventionelle Markt lange bei 1,30 – 1,40 Euro liegt. Wir bieten unseren Betrieben die Perspektive eines ordentlichen Einkommens.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

10.03.2015
Von: Claudia Schievelbein, unabhängige Bauernstimme