Herkünfte sichbar machen

Buerliche Landwirtschaftbraucht regionale Strukturen, damit ihre Qualitäten auch sichtbar werden

Landwirtschaft ist Urproduktion. Ihre Produkte sind in der Regel Massenwaren. Milch und Fleisch, Eiern und Getreide sieht man ihre Herkunft nicht direkt an. Allerdings haben die Kunden, die Verbraucher, die in der großen Masse weit weg von den Orten der Produktion in den Städten leben, in den vergangenen Jahren immer mehr Interesse für die Herkunft ihrer Lebensmittel entwickelt. Immer klarer sind die Anforderungen, die an die landwirtschaftliche Produktion gestellt werden und die weit über das Maß einer gesundheitlichen Unbedenklichkeit hinaus gehen. Verlangt werden zusätzliche Qualitäten. Sehr konkret geworden und inzwischen umgesetzt ist dies bei Eiern. Bioeier, Freiland oder zumindest Bodenhaltung sind die bevorzugten und vom Kunden anhand der Deklaration auch erkennbaren Qualitäten. In vielen anderen Bereichen ist es weitaus schwieriger, eine durchgängige Transparenz vom Erzeuger bis zum Verbraucher zu gewährleisten.

Verantwortlich sind hierfür sicherlich die über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen im Verarbeitungsbereich. So existieren 2014 zwar immer noch 13.559 Fleischereifachbetriebe. Allerdings haben nur 30 Prozent davon eine eigene Schlachtung. In der Folge steigt die Größe der Schlachtstätten bei gleichzeitig immer geringer werdender Anzahl. Lange Transportwege und eine Anonymisierung der Herkünfte sind die Folge. Weggebrochen ist in den vergangenen Jahrzehnten der Mittelstand im Bereich Schlachtung und Verarbeitung bei gleichzeitiger horizontaler Integration, also dem Zusammenwachsen im Bereich Schlachtung und Fleischverarbeitung. Dass heute immer größere Warenmassen gehandelt werden, zeigt sich auch daran, dass ca. 50 Prozent des Frischfleischs über Aldi vermarktet werden. Möglich wurde die Erschließung derartiger Absatzwege durch hygienische Neuerungen wie beispielsweise die Verpackung unter Schutzatmosphäre.

Immer mehr Konzenration

Ein ganz ähnliches Bild ist im Molkereibereich zu erkennen. Mit dem Argument, nur große, global agierende Molkereikonzerne könnten gegenüber einem ebenfalls stark konzentrierten Lebensmitteleinzelhandel angemessene Preise aushandeln, hat der deutsche Bauernverband die immer weiter fortschreitenden Fusionen und Übernahmen von Molkereien durch wenige Großkonzerne begrüßt und mit vorangetrieben. Von ehemals 812 Molkereiunternehmen im Jahr 1973 sank deren Zahl bis 2012 auf 147 und ist in den vergangenen Jahren weiter zurückgegangen. Die angelieferte Milchmenge stieg im gleichen Zeitraum kontinuierlich an. Während 1985 25,6 Mio. Liter produziert wurden, waren es 2013 schon über 31 Mio. Liter. Für große Unternehmen sind besondere Qualitäten wie beispielsweise Heumilch oder gentechnikfreie Milch nur schwer durchgängig transparent nachvollziehbar zu produzieren. Sie bevorzugen ein nach wenigen Qualitätsmerkmalen wie Fett- und Eiweißgehalt definiertes Rohprodukt, deren Herkunft variabel gehalten werden kann.

Vom Kunden verlangt

Dennoch nehmen vor allem in den vergangenen Jahren die Wünsche und Forderungen der Verbraucher nach einer Herkunft und Verarbeitung, die mehr bietet als einen austauschbaren Rohstoff, zu. Es geht um ökologische Produktion, höhere Tierschutzstandards sowie um faire Preise und Produktionsbedingungen. Immer mehr an Bedeutung gewonnen hat in diesem Zusammenhang die regionale Herkunft der Lebensmittel. Welch große Bedeutung der Aussage „regional“ zukommt, erkennt man an den vielfältigen Bestrebungen selbst der Lebensmitteldiscounter, mit diesem Schlagwort Kunden zu binden. Nicht selten unterscheiden sich dabei die Erwartungen der Kunden deutlich von dem, was die angebotene Ware wirklich leisten kann. Eine Umfrage der Stiftung Warentest, bei der 6.000 Verbraucher befragt wurden, ergab, dass etwa ein Drittel der Befragten unter „Region“ einen begrenzten Naturraum – wie zum Beispiel das Allgäu, den Spree­wald oder die Rhön – versteht. Auch der Landkreis oder das Bundesland werden von vielen als Region angesehen. Eine klare Absage erteilten die Befragten so weit gefassten Bereichen, wie sie beispielsweise das vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz 2012 unter der Leitung der damaligen Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner eingeführte Regionalfenster ermöglicht. Hier können auch Produkte als regional eingestuft werden, wenn ihr Herkunftsgebiet nur geringfügig kleiner ist als ganz Deutschland. Nur sechs Prozent der über 6.000 Umfrageteilnehmer nannten Deutschland eine Region. Nach Einschätzung des Bundesverbandes der Regionalbewegungen e. V. ist der Markt für den Verbraucher undurchschaubar und bietet „von ehrlichen, glaubwürdigen Regionalprodukten bis hin zu 'Mogelpackungen', die nur Regionalität suggerieren“ vieles an. Leider ist diese Situation auch durch die Einführung des Regionalfensters nicht verbessert worden. Die Kritik am Ministeriums-Siegel bezieht sich insbesondere auf das aufwendige, für kleine und mittlere Betriebe nur schwer umzusetzende Zertifizierungssystem, das Nichteinbeziehen der Vorstufen in der Landwirtschaft, beispielsweise der Futtermittel, sowie die weite Öffnung, die es auch internationalen Konzernen mit regionalen Filialen ermöglicht, unter das Dach des Siegels zu schlüpfen.

Gelebte Regionalität

Auch wenn Werbemanager den Begriff der Regionalität für ihre Zwecke dehnen und missbrauchen, zeigen unzählige Betriebe, dass Regionalität funktioniert. Vom Hofladen über den kleinen Schlachter und Metzger bis zur mittelständischen Molkerei gibt es ein breites Spektrum an Initiativen, für die Regionalität ein fester Bestandteil ihres Selbstverständnisses ist. Der Verbraucher ist gefordert, sich kritisch mit den Angaben auf Packungen und Werbeplakaten auseinander zu setzen, zu hinterfragen, zu überlegen, ob Preis und Leistung zueinander passen. Viel Regionalität für wenig Geld sollte stutzig machen. Immer mehr Verbraucher zeigen diesen kritischen Blick, wollen mehr über die Herkunft ihrer Produkte wissen, schauen nach und informieren sich. Regionalität bedeutet eben auch, die anonymen Massenmärkte zu verlassen. Das ist spannend für den Verbraucher, aber auch für den Bauern, der seine Ware im besten Fall direkt absetzt und über den Kundenkontakt ein direktes Feedback z. B. zu seinen Kartoffeln bekommt. Ganz anders, als wenn man die zwei Hänger am Lagerhaus auf's Förderband schüttet.

27.11.2015
Von: mn