Digital Animal Farming

Die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) freut sich über eine erfolgreiche Messewoche: „2.597 Aussteller aus 62 Ländern präsentierten ihre Neuheiten und Konzepte für die landwirtschaftliche Praxis weltweit. Digitale Lösungen mit Elektronik, Steuerungs- und Regeltechnik, Datenmanagement sowie Innovationen aus den Bereichen Stallbau, Fütterungs- und Haltungstechnik und Züchtung setzen neue Impulse für Effizienz und Tierwohl.“

Mehr Effizienz, das überrascht nicht. Ist sie doch in fast allen Lebensbereichen das Ziel. Sie waren in allen Hallen vor allem bei den großen Herstellern zu finden: Ein Melkkarussell mit zentralem Bedienterminal, das dem Melker jederzeit Zugriff auf die Daten jeder einzelnen Kuh und auch des aktuellen Melkvorgangs zur Verfügung stellt. Mikrosensoren, die es mittels Beschleunigungs- und Temperatursensor ermöglichen, physiologische Verhaltensmuster, zum Beispiel die Wasseraufnahme, die Pansenaktivität und die Herzfrequenz bei Kühen zu messen. Automatisieren lässt sich auch das Dippen der Kühe nach dem Melken. Entweder durch ein besonderes Melkzeug oder gleich durch einen Roboterarm, der auf dem Stand von DeLaval den Kunden nach erfolgter Demonstration zuwinkt. „Für normale Betriebe ist das hier doch alles nichts“, fasst es ein Landwirt zusammen. Dieser Eindruck entsteht schnell, wenn man die riesigen Güllefässer, Melkkarussells und Modelle von Schweinemastanlagen sieht. Aber es gibt auch die anderen Stände, die „kleines“ Material haben. Mobile Melkanlagen, Weidemelkstände, Hallen, Bodenbeläge und Liegeboxenmatten. Für die meisten Landwirte, immerhin 60 Prozent der Besucher, wie eine von der DLG in Auftrag gegebene Umfrage zeigte, war der Messebesuch denn auch positiv. Wer allerdings nach Hannover gekommen war, weil er sich Antworten auf die aktuelle gesellschaftliche Diskussion zum Tierwohl in den Ställen abholen wollte, musste schon genau schauen. Vor allem der Schweinebereich ist seit längerem in der öffentlichen Kritik. Für viele Betriebe eine Situation, in der man für zukünftige Investitionen gerne wüsste, wie sich die politischen Vorgaben entwickeln, welche rechtlichen Rahmenbedingungen in Zukunft gelten und welche Standards die Schlachtunternehmen und der Handel zukünftig verlangen. Klare Antworten hierzu konnte man auf der Messe nicht finden, auch wenn das Thema in vielen Hallen präsent war.

Tiefstreu und Häckselstroh

BigDutchman präsentiert einen Schweinestall mit Tiefstreu. Mittels einem Rottebeschleuniger sollen Kot und Urin schnell umgewandelt werden, um Stickstoffemissionen zu reduzieren. Umgestallt werden müssen die Tiere nicht mehr. Ausgemistet wird am Ende der Mastperiode mit dem Radlader. Stroh einstreuen übernimmt nach Wunsch ein an der Decke schwebender Automat, der auch noch erkennen kann, wo die nassen, verkoteten Stellen sind. Ein andere Variante stellt Schauer mit seinem NaturLine-Stallkonzept vor. Von einem warmen Abteil mit wenig Häckselstroh, das die Tiere vor allem fressen sollen, geht ein zweigeteilter Kaltbereich ab. Direkt nach der Verbindungstür kommt ein planbefestigter Fressbereich, an den sich ein Spaltenboden anschließt. Die klassischen Güllekanäle sind durch einen Schieber ersetzt. Der leicht schräge Boden soll zudem helfen, Festes und Flüssiges zu trennen und Emissionen zu reduzieren. Konzepte zur Trennung fester von flüssigen Bestandteilen waren bei verschiedenen Anbietern ausgestellt. Hintergrund dürfte auch die derzeit schwierige Berechnung der Emissionen von offenen Ställen mit Stroh sein, die auch im Genehmigungsverfahren auftaucht. Exemplarisch zeigen diese beiden Stallkonzepte, dass vieles möglich ist. Der eine mit viel Stroh, der andere mit Minimaleinstreu, dafür aber mehreren Temperaturbereichen. Ob die Stallvarianten für Schweine mit Ringelschwanz taugen, dürfte ganz maßgeblich auch von der Belegungsdichte und vom Management abhängen. Klare Aussagen wurden diesbezüglich an keinem der Messestände gemacht.

Tierwohl kostet Geld

Wie vielschichtig die Anforderungen an einen tiergerechten, arbeitswirtschaftlich und ökonomisch wettbewerbsfähigen Stallbau sind, zeigt die auch auf der Eurotier präsentierte Zusammenstellung verschiedener Stallbauvarianten „Geamtbetriebliches Haltungskonzept Schwein – Mastschwein“, die in Kooperation der Landesanstalten und Landesämter für Landwirtschaft entstanden ist. Aufgeführt werden zwanzig Stallbauvarianten, von der Umbaulösung ohne Stroh bis zum neugebauten Außenklimastall mit Stroheinstreu und mehr Platz. Die Autoren wollen ihre Broschüre als Grundlage für zukünftige Diskussionen verstanden wissen, schreiben sie im Vorwort. Immer wieder verdeutlichen sie das Spannungsfeld, in dem sich die Schweinehaltung befindet, und untermauern dies mit konkreten Zahlen und/oder planungsrechtlichen Anforderungen. In jedem Fall steigen die Kosten, wenn man das „gegenwärtige, hocheffiziente Haltungssystem ‚Vollspaltenboden im geschlossenen Stall’“ zugrunde legt. Wenn das Mehr an Beschäftigung sich nicht in einem bunten Beißstern, einer Kette mit Plastikball oder einem Strohturm erschöpfen soll, wird es teurer. Stallvarianten mit Stroheinstreu und mehr Fläche erhöhen den Preis pro Mastschwein um 25 bis 30 Euro oder 25 bis 30 Cent pro kg Schlachtgewicht, so die Studienergebnisse. Will man Schweine mit langen Schwänzen, dann, so die Autoren, erhöhen sich die Kosten durch die zusätzliche Tierkontrolle auf 40 Euro je Mastschwein. Leider spielen die Autoren, die zu Beginn eine gesellschaftliche Diskussion und als Folge vielleicht eine politische Weichenstellung angeregt hatten, im letzten Absatz den Ball wieder zu den Landwirten: „Inwieweit die in der Broschüre beschriebenen Haltungskonzepte in der Zukunft realisiert werden, hängt letztlich von der Investitionsbereitschaft der Landwirte ab.“

Politische Wahrnehmung

Die Eurotier: Sie ist die Leitmesse zur Tierhaltung, schreibt die DLG. In Zeiten, in denen Landwirte nach gesellschaftlicher Akzeptanz suchen, die Gesellschaft immer wieder ihre Anforderungen an eine artgerechte Tierhaltung formuliert und der Handel als Verbindungsglied über eigene Label versucht, diesen Ansprüchen nachzukommen, muss es verwundern, wenn die Landwirtschaftsministerin keine Zeit findet, die Messe zu besuchen und stattdessen ihren Staatssekretär schickt. Es bleibt unverständlich, weshalb die Bundesministerin zwar ein Projekt zum Ende des Kükentötens medienwirksam in Berlin präsentiert, aber den Dialog mit den Landwirten auf der Eurotier nicht wahrnimmt. Wer sich stellvertretend für die Bundesregierung für eine tiergerechte Haltung einsetzen, Landwirte und Verbraucher zusammenführen soll, dessen Linie muss erkennbar werden, weil jeden Tag Bäuerinnen und Bauern darüber nachdenken, wie sie ihre Betriebe entwickeln, und ihre Entscheidungen dazu beitragen, wie Landwirtschaft zukünftig gestaltet wird.

26.11.2018
Von: mn

Messeneuheit!?