Erntedank ist ein weltweiter Brauch und Ausdruck von Dankbarkeit gegenüber der Natur und der Wertschätzung bäuerlicher Arbeit. Er steht auch für den Dank für eine gute Ernte. Diese ist für bäuerliche Betriebe in Deutschland und weltweit immer schwieriger zu erzielen. Klimaveränderungen bringen Wetterextreme. Große Agrarkonzerne gewinnen durch Patente immer mehr Kontrolle über den Saatgutmarkt. Der Zugang zu vielfältigem, gentechnikfreiem, lokal anpassungsfähigem und frei verfügbarem Saatgut ist zunehmend gefährdet. Patente auf Pflanzen, deren genetische Information und Produkte führen zu Monopolstellungen. Bereits heute ist der globale Saatgutmarkt stark konzentriert. Neue Gentechnikpflanzen führen zu einer weiteren Patentierungswelle. Die geplante Abschaffung der geltenden Gentechnikregelungen für neue Gentechnikpflanzen würde zu Verunreinigungen unseres Saatguts und der Ernten führen. Das Recht auf gentechnikfreie Lebensmittelerzeugung würde so unterwandert. Auch das hart umkämpfte bäuerliche Recht auf Nachbau der Ernte zeigt die unterschiedlichen Interessenslagen der Konzerne auf der einen und der Bäuerinnen und Bauern auf der anderen Seite.
Freie Wahl nötig
Um auf diese weltweiten Gefahren aufmerksam zu machen, hat ein Bündnis aus kirchlichen Entwicklungsorganisationen und bäuerlichen Interessenvertretungen eine Erntekrone gebunden und kurz vor dem Erntedankfest Anfang Oktober an Staatssekretärin Dr. Bärbel Kofler vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) übergeben. Mit einem Trecker, der Erntekrone und einem Forderungspapier fuhren Vertreter:innen der mitmachenden Organisationen vor das BMZ.
„Wenn neue Gentechnik in der EU kaum noch geprüft und gekennzeichnet wird, wenn Pflanzen patentiert werden können und wenige Konzerne das Saatgut kontrollieren, verlieren Bäuerinnen und Bauern in Europa und weltweit die Kontrolle darüber, was sie anbauen“, sagte Kathrin Schroeder, Abteilungsleiterin Politik und globale Zukunftsfragen bei Misereor vor dem BMZ. „Sie können dann nicht mehr frei entscheiden, ob eine Sorte zum Boden oder Klima passt. Weniger Auswahl auf dem Feld bedeutet weniger Sicherheit auf dem Teller: Wenn alle das Gleiche anbauen, kann eine Krankheit ganze Ernten vernichten – und das betrifft am Ende uns alle.“ Deshalb fordert das Bündnis rechtssichere Verbote von Patenten auf alle Pflanzen und Tiere – sowohl konventionell gezüchtete als auch durch Gentechnik erzeugte. Zudem müssen bäuerliche Rechte umgesetzt werden, die u. a. in der UN-Bauernrechtserklärung (UNDROP) und im internationalen Saatgutvertrag (ITPGRFA) festgelegt sind. Hierzu zählt das Recht auf Nachbau, also das Aufbewahren und Aussäen der Ernte – ein jahrhundertealtes bäuerliches Recht, das aktuell erneut von den Praktiken der Saatgut-Treuhandverwaltungs-GmbH (STV) massiv beschnitten wird.
Saatgut in Bäuer:innenhand
Die AbL fordert die Bundesregierung auf, sich in Brüssel für klare Regeln einzusetzen. Gentechnikfreie konventionelle und ökologische Landwirtschaft brauche Schutz durch verpflichtende, wirksame Koexistenz- und Haftungsregelungen. Das wertvolle EU-Vorsorgeprinzip mit Vorabrisikoprüfung und Stoppmaßnahmen im Schadensfall müsse gewährleistet bleiben, genauso wie die Wahlfreiheit für Bäuer:innen und Verbraucher:innen, heißt es im Forderungspapier. Saatgut gehöre in Bäuer:innenhand – statt in Konzernhand. Der Nachbau und der Zugang zu vielfältigen Sorten müsse gesichert werden. Hier habe die Bundesregierung eine große Verantwortung.
Martin Krieg, Direktor für Kommunikation und Engagement bei Brot für die Welt, betonte: „Saatgut gehört allen – es ist nicht das Eigentum weniger. Wenn große Konzerne Patente auf Pflanzen erteilt bekommen, dürfen andere das Saatgut oft nicht mehr verwenden oder weiterentwickeln. Das ist, als würde jemand das Rezept für Brot patentieren und anderen verbieten, es zu backen.“ Wichtig sei, dass regional und global zusammengedacht werde, für Ernährungssouveränität und Vielfalt weltweit.
BMZ-Staatssekretärin Bärbel Kofler bedankte sich für die Aktion und betonte, wie sehr sie das starke Engagement der beteiligten Organisationen schätze. Am Beispiel der Sahelzone machte sie die Dramatik der Auswirkungen der Klimakrise und kriegerischer Auseinandersetzungen deutlich. Kofler machte klar, dass das BMZ keine landwirtschaftlichen Programme unterstütze, die mit Gentechnik-Saatgut arbeiten. Die Klima- und Hungerkrise liessen sich nicht durch eine Technik lösen, es brauche kluge innovative Ansätze in Zusammenarbeit mit den Betroffenen und den Bauern vor Ort. Das Ministerium lege in ihren Projekten Wert auf regional anpassungsfähiges und vielfältiges Saatgut.
Abschließend betonte Bettina Locklair von der Katholischen Landvolkbewegung Deutschlands, dass das Bündnis die Gesprächsbereitschaft und ersten Schritte des BMZ zu schätzen wisse und zu vertiefenden Gesprächen bereit sei. Als Symbol für den Schatz der bäuerlichen Saatgutvielfalt übergab Bäuerin Sandra Neuendorf aus Brandenburg die Erntekrone und die Forderungen an die Bundesregierung.
Im Anschluss übergab die AbL eine zweite Erntekrone ans Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Frühzeitig hatte das Bündnis auch Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer für die Übergabe angefragt. Dieser sagte allerdings mit dem Verweis auf hohe Terminbelastung ab. Niemand in der Hausleitung oder aus den Reihen des Fachpersonals fand trotz anderslautender mündlicher Zusagen ein Zeitfenster, um die Erntekrone und die Forderungen entgegenzunehmen. Mit einem freundlichen Begleitschreiben erneuerte das Bündnis die Gesprächsanfrage.
Autorin: Annemarie Volling, AbL-Referentin für Gentechnik
Zur gemeinsamen Pressemeldung (Link)
Zum gemeinsamen Positionspapier ans BMZ (hier)



