„Wir brauchen Vielfalt und Feldrobustheit – statt Gentechnik“

Interview mit Inde Sattler Bio-Apfelzüchterin in Schleswig-Holstein

Unabhängige Bauernstimme: Was sind die Herausforderungen in der Apfelzüchtung?

Inde Sattler: Beim Apfel haben wir einerseits die hohen Ansprüche des Marktes. Auch Bio-Äpfel sollen perfekt, gleichmäßig (rot) ausgefärbt und gleich groß sein. Geschmacklich werden immer mehr süß-betonte, saftige knackige Äpfel beworben. Die große Geschmacks-, Formen und Farbvielfalt ist im Handel längst verloren gegangen, damit leider auch Aromastoffe und der hohe Polyphenolgehalt vieler alter bewährter Apfel-Sorten. Polyphenole sind aber Stoffe, die u.a. das Immunsystem des Apfels ausmachen und gut für unsere Gesundheit sind. Die Obstbäuer:innen wollen gesunde Bäume. Sie sollen regelmäßige Erträge bringen, sich gut pflücken lassen und lagerfähig sein.

Ein Problem der Apfelzüchtung ist ja die genetische Verengung…

Ja genau, die modernen Sorten haben nur wenige Stammeltern. Die kann man an der Hand abzählen: z.B. Cox Orange, McIntosh, Red Delicious und James Grieve. Alle diese Sorten sind sehr anfällig für Schorf, Mehltau und Obstbaumkrebs. Diese Krankheiten befallen die Knospen, die Blätter und die Äpfel – beeinträchtigen die Photosynthese, das Wachstum, die Lagerfähigkeit.  Wenn es ganz schlimm ist, setzt auch der ökologische Obstbau Pflanzenschutz ein, Schwefel und Kupfer. Um das zu reduzieren brauchen wir pilzrobuste Bäume. In der „modernen Züchtung“ hat man sich auf sogenannte monogene Resistenzen konzentriert. Diese waren schon vor 30 Jahren mit den modernen Analysetechniken zu erkennen, mit der sogenannten markergestützten Selektion. Das Problem der monogenen Resistenzen: sie liegen nur auf einem Gen und der Schorf kann sich schnell anpassen und diese Resistenz umgehen.

Was macht ihr anders?

Wir züchten in einem Verbundprojekt, unter dem Dach des Apfelgut e.V., seit 2010 mit mehreren Bioland- und Demeter-Betrieben neue Apfel- und Birnensorten. Damals zeigte sich, dass auch viele Öko-Sorten die gleichen Stammeltern haben und ebenso krankheitsanfällig sind. Wir wollten Sorten züchten, die nicht in diesem krankheitsempfindlichen Vererbungsstrom sind. Deshalb begannen wir mit den robustesten von den modernen Sorten viele Kreuzungen mit einer Auswahl von 50 alten Sorten zu machen, um ein breite Feldrobustheit zu erzielen. Wir bestäuben am Baum und arbeiten in Kooperation mit der Natur.  Nicht wir verändern das Genom, wenn wir züchten, sondern es ist immer die Pflanze, die selbst die Rekombination im Genom vornimmt. Wir ziehen unsere Kreuzungssämlinge von Anfang an im Freiland auf. Sie fruchten auf der eigenen Wurzel. Bis sie fruchten dauert es 5-8 Jahre. Sie wachsen in den apfel:gut Zuchtgärten der Partnerbetriebe auf - ohne Pflanzenschutz. Mit 15 aktiven Obstbäuer:innen und mobilen Züchter:innen, die alle Standorte anfahren, beobachten wir die Pflanzen und bonitieren sie. Wir gucken ganz genau wie viel Schorf tritt an den Blättern auf, wie viel Mehltau und Obstbaumkrebs zu sehen ist. Das kann man schon machen bevor sie Äpfel tragen. Jedes Jahr werden sie unter den verschiedenen Wetterbedingungen beobachtet. Wenn sich zeigt, dass sie doch zu krankheitsempfänglich sind, werden sie negativ selektiert.

Wie reagiert ihr in eurer Züchtungsarbeit auf den Klimawandel?

Der Klimawandel ist ganz klar zu sehen. Es kommen neue Krankheiten dazu wie Elsinoe Piri, ein Pilz, der in warmen heißen Sommern gut gedeihen kann und der auch Flecken auf den Äpfeln und Blättern macht. Hinzu kommt die intensive Sonneneinstrahlung, die für Sonnenbrand auf den Blättern und auf den Äpfeln sorgt. Unsere Beobachtung zeigt, dass das sortenspezifisch ist. Wir sehen das, weil wir uns die Zeit nehmen, die Pflanzen eben nicht unter Laborbedingungen oder im Gewächshaus zu pushen, sondern wir beobachten, was eigentlich mit der Pflanze passiert, welche Reaktionen aktiviert werden, bei den unterschiedlichen Wetter- und Standorteinflüssen. Unser Vorteil ist, unsere Sorten auch auf unterschiedlichen Standorten mit unterschiedlichen Klimabedingungen und Böden zu beobachten und zu selektieren. Wir züchten Sorten von morgen, die in den jeweiligen Regionen robust und angepasst sind.

Braucht es die neuen Gentechniken, um schneller Resistenzen zu erzeugen?

Schneller ist relativ. Unsere Züchtung zeigt ganz praktisch, dass wir robuste Sorten züchten können. Das braucht seine Zeit. Wenn man hingegen eine Pflanze im Labor möglichst schnell entwickelt auch noch unter allerbesten Bedingungen, muss sie sich trotzdem unter Feldbedingungen bewähren.  Ob eine Sorte mit den Klimabedingungen klarkommt und dann tatsächlich robust ist, sehe ich erst nach einigen Jahren.

Bei jedem Eingriff mit der Genschere CRISPR-Cas wird die Pflanze und ihr Genom verletzt  und sie muss das reparieren. Das ist ein tiefer Eingriff in das Genom. Wie genau die Pflanze das repariert oder was sich noch verändert, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass es Nebeneffekte gibt, die bisher nicht genug erforscht sind. Ein großes Problem sind bspw. Apfelallergien. Die notwendige  Risikoprüfung  vor einer Freisetzung solcher Pflanzen soll nach Willen der Kommission abgeschafft werden. Ich halte unsere Züchtung einfach für viel sicherer und effektiver.

Effektiver?

Ja: Die Erfahrungen der beteiligten Obstbäuer:innen, das Wissen, die Kreativität aller Züchtenden die fließen mit in unsere Entscheidungsprozesse mit ein. Wir sind mit Züchter:innen EU-weit vernetzt, die ähnliche Züchtungsansätze haben. Und wir können direkt auf Naturereignisse reagieren, auf neue Krankheiten und oder Sonnenbrand selektieren, die vor 5 Jahren z.B. noch nicht so sichtbar waren. Da sich unsere Bäume von Anfang an ohne Pflanzenschutz entwickeln müssen, sehen wir frühzeitig, welche robuster sind.

Auf unsere Herausforderungen kann die neue Gentechnik keine Antwort geben. Sie arbeitet in teuren Laboren mit monogenen Resistenzen. Diese werden schneller von den unterschiedlichen Schaderregern durchbrochen.  Äpfel sind Dauerkulturen und es macht keinen Sinn, die Sorten immer schneller auszutauschen. Wir suchen nach Resistenzen, die vermutlich auf mehreren Genen veranlagt sind und auch verschiedene Eigenschaften betreffen. Vielleicht ist es die Blattoberfläche, es sind bestimmte Erkennungs- und Abwehrmechanismen, die die Pflanze hat, vielleicht ist es sogar das Mikroklima auf dem Blatt. Wir brauchen die ganze vielfältige und polygenetisch veranlagte Robustheit alter und besonderer Sorten. Diese kreuzen wir auf dem Feld ein und selektieren dort, um Feldrobustheit auch gegen verschiedene neue Krankheiten zu erreichen. Diese Multitalente, die finden wir nur in einer breiten genetischen Diversität.

Danke für das Gespräch.

Das Interview führte Annemarie Volling, AbL-Referentin für Gentechnik