Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Die BayWa war mal „nach der katholischen Kirche die zweitwichtigste Institution in Bayern“ (Wirtschaftsminister Aiwanger). Seit mehr als drei Jahren ist der Agrarhandelskonzern ein krasser Sanierungsfall. Mehr noch – selbst der bisherige Sanierungsplan, der die Schulden von annähernd 5 Mrd. € bis 2028 abbauen sollte, muss verlängert und verschärft werden, wenn der Konzern nicht pleite gehen will. Die Sanierung der BayWa hat die beiden genossenschaftlich getragenen Großaktionäre, die Bayerische Raiffeisen-Beteiligungs-AG und die Raiffeisen Agrar Invest AG aus Österreich, die zusammen rund 67 % der BayWa-Aktien halten, bereits 550 Mio. € gekostet und sie müssen noch kräftig nachschießen, wie der Genossenschaftsverband Bayern, die Dachorganisation der 175 bayerischen Raiffeisen- und Volksbanken mitteilt. Er rät den Banken, sich für weitere Verluste zu wappnen. Aus dem einstigen bayerischen Vorzeigekonzern, der aus Großmannssucht auf dem globalen Markt mitspielen wollte, soll nach der Sanierung wieder ein regionaler Agrarhändler werden – wenn alles gut geht.
Alter auf Kante genähter Sanierungsplan nicht mehr zu halten...
Mit einer „wilden Expansionsstrategie“ (FAZ) hatte sich der Vorstand mit Chef „Sonnenkönig“ Prof. Lutz vor einigen Jahren in Übereinkunft mit dem Aufsichtsrat zu einem global player im Agrar- und Energiebereich hochpuschen wollen – alles auf Kreditbasis. Die Geschäfte in vielen Teilen der Welt gerieten aber in die vielfältigen Krisen und plötzlich war aus dem soliden Agrarkonzern eine überschuldete Aktiengesellschaft geworden, die ihrer Zahlungen nicht mehr Herr wurde. Die wesentliche Ursache waren die zugekauften Unternehmen, die mit wachsenden Verlusten und Zinsen nicht mehr beherrschbar blieben. Nach vielen Turbulenzen, Stellenabbau, Überprüfungen durch die Staatsanwaltschaft, Rücktritten und Vorstandsentlassungen blieb die einzige Hoffnung, durch den Verkauf der neu erworbenen Unternehmensteile neben einem strikten Sparkurs einen Sanierungsplan umzusetzen, der einen Bankenverzicht und einen Zahlungsaufschub bis 2028 beinhaltete. Viele Tochterunternehmen wurden zuletzt verkauft, wenn auch nicht immer mit dem erhofften Ergebnis. Es blieben 2,7 Mrd. Schulden, von denen vor allem die wertvollste Tochter, die erneuerbare Energiesparte baywa r.e., 1,7 Mrd. € einbringen sollte. Sie war besonders in den USA tätig und leidet nun unter der fossilen Energiepolitik des US-Präsidenten Trump, so dass nur noch mit 850 Mio.€, d.h. einer 50% Abwertung, kalkuliert werden kann. Damit ist der gesamte Sanierungsplan hinfällig, die Aktienbesitzer und die Investoren extrem verunsichert. Seit 3 Jahren verlor die Aktie ca. 88% und seit Jahresanfang immerhin noch 14%.
... neue Sanierung verlängert, verteuert und risikoreich
Nun haben sich die Finanzierungspartner auf eine Grundsatzverständigung geeinigt, die eine Verlängerung des Sanierungszeitraums und der Finanzverbindlichkeiten um 2 Jahre bis Ende 2030 sowie eine Zinsentlastung der BayWa AG vorsieht. FormularendeDie Banken wandeln 700 Mio. € Schulden in ein Nachranginstrument um, was einem Schuldenschnitt nahekommt. Sie halten still, aber im Fall einer Insolvenz der BayWa wäre das Geld faktisch weg. Zudem übertragen die Großaktionäre ihre Aktien zur Absicherung der Finanzpartner auf einen Treuhänder. Die Treuhand wird aufgelöst und die Aktien fallen an die Großaktionäre zurück, wenn diese im Rahmen einer für 2029 geplanten Kapitalerhöhung mindestens 220 Mio. € zur Verfügung stellen. Andernfalls kann der Treuhänder die Aktien verkaufen. Trotz der Einigung bleibt laut Handelsblatt unter den Gesellschaftern und mit den Banken ein Dauerstreit, wer welchen finanziellen Beitrag zur Konsolidierung der BayWa leistet.
Ausgliedern, verkaufen, überführen
Für die Baywa r.e. AG, die weltweit Wind- und Solarparks projektiert und betreibt und selbst parallel in einem Sanierungsverfahren gebunden ist, wurde mit dem Mitgesellschafter „Energy Infrastructure Partners“ vereinbart, sämtliche Anteile beider Gesellschafter an der Baywa r.e. AG an einen Transformations-Gesellschafter zu übertragen. Dieser soll die Restrukturierung und anschließende Veräußerung der Beteiligung begleiten. Beide Gesellschafter verzichten auf bestehende Forderungen gegen die baywa r.e. AG, partizipieren jedoch an dem geplanten Verkauf. Der Erlös wird zur Schuldentilgung genutzt, ein möglicher Mindererlös erhöht die Schulden bzw. geht in den Nachrang.
Der Geschäftsbereich Wärme und Mobilität soll bis zum Ende des Jahres 2029 veräußert werden. Die Kernbereiche Agrar und Technik werden in eine Tochtergesellschaft überführt. Beide Geschäftsbereiche und das Segment Baustoffe werden weiterhin operativ eigenständig geführt, um sie vor Schaden zu schützen. Damit unterstreicht man das Ziel, die Rückführung des Konzerns auf die Kernbereiche Agrar, Technik und Baustoffe anzustreben.
Personelle Konsequenzen außer Rukwied
Logischerweise hat der Absturz des Konzerns personelle Folgen. Hunderte von Entlassungen sowie Ausscheiden von Führungskräften begleiten die Sanierung. Auch im Aufsichtsrat, der alle Entscheidungen einstimmig mitgetragen und bis heute keine glaubwürdige Erklärung für die Fehler abgegeben hat, ist mittlerweile ein Turnaround eingetreten. Nur DBV-Präsident Joachim Rukwied, seit 2013 im Aufsichtsrat, bis 2027 gewählt und einer der letzten Vertreter der Expansionsära, bleibt standhaft im Amt. Angeblich drängen die Banken und Teile der Eigentümer auf seinen Abschied. Weil es von ihm bisher keine Rückzugssignale gebe, so das Handelsblatt, werde auch über eine Abwahl Rukwieds auf der nächsten Hauptversammlung diskutiert.
Für den Marktbeobachter ist der „Fall BayWa“ ein Paradebeispiel, wie man mit Eitelkeit und Großmannssucht ein bodenständiges Unternehmen abstürzen lassen kann. Und hinterher will es keiner gewesen sein. Bisher hofft der Vorstand, bis zum Herbst 2026 den Abschluss einer rechtsverbindlichen neuen Sanierungsvereinbarung bis 2030 zu erreichen. Damit verschafft man sich aus der Not heraus einen Zeitgewinn und senkt das Insolvenzrisiko. Aber schon jetzt versucht man mit diversen Maßnahmen, Teile des Unternehmens anderweitig zu sichern. So oder so wird es eine schmerzliche Lehre werden. Die bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken rechnen mit weiteren Abschreibungen auf ihre Kredite und empfehlen einen weiteren Sicherheitspuffer einzuplanen. Die kommende Ernte wird zeigen, wieviel Vertrauen bei den Bauern noch vorhanden ist oder ob sie stärker nach Alternativen suchen. Auf weitere Solidarität aus der genossenschaftlichen Agrarhandelsbranche sollte man nicht hoffen. Die Agrarvis e.G. aus Westfalen (bisher Nr. 2 im Markt hinter BayWa) hat schon angekündet, sich im Süden als Großhandelslieferant und als „Unternehmenshelfer“ aufzustellen und den Wettbewerbsdruck zu erhöhen. „Wir sind gekommen, um zu bleiben,“ heißt es aus Münster. Wer solche Genossenschaftsfreunde hat...



