Kommentar: Gentechnikfreiheit schützen

Auch die Bio-Landwirtschaft braucht Koexistenz- und Haftungsregeln

Ich bin Bio-Bäuerin und mache mir große Sorgen um meine gentechnikfreien Märkte. Der aktuelle EU-Kompromiss aus Brüssel sieht eine komplette Deregulierung neuer Gentechnik-Pflanzen vor. Das lehne ich und auch die Bio-Verbände ab. Sie fordern vor allem Wahlfreiheit für Verbraucher:innen und wehren sich gegen Patente auf neue Gentechnik-Pflanzen. Für unsere Höfe reicht das aber nicht, denn mit der geplanten Abschaffung sämtlicher Schutzmaßnahmen vor Gentechnik-Verunreinigungen und jeglicher Haftungsregelungen werden wir vor große Probleme gestellt. Ohne Schutzmaßnahmen sind Verunreinigungen unseres Saatguts und unserer Ernten vorprogrammiert.

Laut Gesetzesentwurf sollen neue Gentechnik-Pflanzen im Ökolandbau verboten bleiben. Da mag es verständlich sein, dass die Bio-Verbände mit dem Verkaufsargument „Wir bleiben gentechnikfrei“ das Vertrauen der Verbraucher:innen in Bio-Produkte weiterhin stärken wollen. Wie das praktisch funktionieren soll, wird nicht kommuniziert. Ich halte diese Strategie der Beruhigungspille für höchst gefährlich - vor allem für uns Bäuer:innen.

Leider reicht die sogenannte Prozesssicherung im Ökolandbau bei unseren Marktpartnern schon jetzt häufig nicht aus. Handelsketten testen angelieferte Ware und verweigern sie, wenn Verunreinigungen wie abgedriftete Pestizide oder andere konventionelle Betriebsstoffe gefunden werden. Zukünftig wäre das bei neuer Gentechnik nicht anders. Bio ist keine Insel, auch hier gibt es Pollenflug, Wind, Bestäubung, Durchwuchs. Die gemeinsame Maschinennutzung wird zum Risikofaktor.

Völlig offen ist, wer die Kosten im Schadens- und Verunreinigungsfall übernimmt. Bestehende Haftungsregelungen werden nicht mehr gelten. Unvorstellbar, wenn Verunreinigungen durch meine Ware ganze Lebensmittelchargen betreffen. Im Zweifel werden wir Bäuerinnen und Bauern auf der verunreinigten Ware und den Kosten sitzen bleiben. Diese Kosten und Unsicherheiten sind für bäuerliche Betriebe existenzbedrohend.

Wir brauchen verursachergerechte Haftungsregelungen sowie wirksame Schutzregelungen vor Verunreinigungen! Unsere Bio-Verbände müssen sich entschieden für alle Bäuerinnen und Bauern einsetzen, die weiter gentechnikfrei erzeugen wollen!

Claudia Gerster, Bio-Bäuerin im Demeter-Verband und AbL-Bundesvorsitzende