Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Wenn die heimischen Märkte unter Druck sind, die Erzeugerpreise abstürzen und bei jedem Stück Fleisch, bei jedem Liter Milch und bei jeder Tonne Getreide Bauerngeld dazu gelegt wird, kommt unwillkürlich der Ruf nach Export. Andere Länder, besonders außerhalb Europas, sollen die Probleme lösen. Das hat schon öfters funktioniert. Und ganz oben auf der Wunschliste steht seit Jahren China, das Land mit 1,4 Mrd. Konsumenten, soll uns von Überschüssen retten und möglichst noch Geld verdienen lassen. Aber die geopolitische Lage ändert sich gegenwärtig und in Zukunft grundlegend - auch im Handel mit dem Reich der Mitte. Der Westen fürchtet den von Ökonomen sogenannten China-Schock 2.0. Den Schock Nr. 1 hat die deutsche Wirtschaft in den 2010er Jahren mit Billigeinkäufen und Mega-Absatz von Industrie und Technologie gut genutzt. Aber jetzt ist es anders - auch im Agrarsektor.
Vom Importeur zum Exporteur: Chinas Wechsel im globalen Agrarmarkt
China ist weltweit der größte Händler mit einem riesigen Handelsbilanzüberschuss und auch Deutschlands Industrie erlebt einen fundamentalen Wandel in der Wirtschaftsbeziehung – vom Motor des Booms hin zur härtesten Konkurrenz. Bei Agrarerzeugnissen ist Peking aber der größte Importeur der Welt mit Importen von 237 Mrd. Dollar (2024) und einem Handelsdefizit von 124,5 Mrd. Dollar. Das Reich der Mitte kauft Soja, Fleisch und Milchprodukte in Rekordmengen. Über 60 % der globalen Sojaeinfuhren und rund ein Viertel des gehandelten Rindfleischs geht nach China. Auch Getreide-, Schweine- und Geflügelfleischhändler in aller Welt träumen vom big business mit dem größten Verbrauchermarkt der Welt. Doch genau diese Abhängigkeit will die chinesische Führung abbauen und vom Importeur zum globalen Exporteur werden. Das wird nicht ohne Auswirkungen auch auf die deutsche und EU-Agrarwirtschaft bleiben.
Modernisierung durch Technologie und Großindustrie
Der Staatsrat, Chinas Kabinett, hat einen Fünfjahres-Plan 2026 bis 2030 zur Beschleunigung der Modernisierung der Landwirtschaft und des ländlichen Raumes vorgelegt, schreibt die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua. Ziele sind, die Ernährungssicherheit kontinuierlich zu erhöhen, Qualität, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und die Armutsbekämpfung auszubauen. Dabei soll kurzfristig die Eigenständigkeit und Stärke in der Agrartechnologie gesteigert und große Fortschritte bei der Umwandlung der Landwirtschaft in eine moderne Großindustrie erzielt werden. Übersetzt heißt das nichts anderes, als die Abhängigkeiten von Importen zu senken, selbst zum Technologieführer und zum Exporteur auf den globalen Märkten zu werden. Bisher galt das unter Agrarexperten als unmöglich, da China nur sehr begrenzte fruchtbare Flächen und eine große Bevölkerung hat. Doch seit dem erfolgreichen technologischen Aufstieg zur Solar- und E-Auto-Macht mit dem Aufbau von kostengünstigen Kapazitäten im Inland und anschließender Weltmarkteroberung, sind auch die Agraranalysten schweigsamer geworden. (Eine US-Studie formuliert: Bei Solarmodulen hält China heute rund 80 % der globalen Fertigung, bei E-Autos etwa 70 % der Produktion – einen Marktanteil von 70 % erreichte das Land bei Solar in 15, bei E-Autos in 13 Jahren.) Ob das Tempo ein Vorbild sein kann?
Beispiel Soja und Pflanzenbau
Vorrangig soll die Veränderung beim wichtigsten Importgut, der Sojabohne, umgesetzt werden. Bis 2030 sollen, so der Plan, Sojaimporte um 25 % sinken – rund 23,5 Mio. t weniger, fast die kompletten US-Sojaexporte nach China eines Jahres würden nicht benötigt. Die Verringerung soll vor allem in der Tierhaltung beschleunigt werden, durch andere Fütterung und Zucht. Zudem sollen alternative Proteine gefördert werden. Pflanzliche, fermentierte und kultivierte Produkte sollen die Eiweißnachfrage bis 2050 zur Hälfte ersetzen - alles unterstützt mit Hochtechnologie-Anlagen, Großindustrie und gentechnischen Methoden, die man auch mit dem Ziel der Führung in Schlüsseltechnologien exportieren will.
Beispiel Milch: Qualität gesucht
Auch am Milchmarkt bemüht sich China um Produktionserhöhung, aber die Änderungen sind laut Analysen der Rabobank überschaubarer. Der Selbstversorgungsgrad von 70% soll bei einer Leistung von 10.000 l/Kuh leicht steigen. Aktuell ist sogar von einem Überangebot die Rede, zumal auch der Verbrauch wegen der sehr niedrigen Geburtenrate sinkt. In China ist Milch kein Grundnahrungsmittel und wegen der genetisch hohen Laktoseintoleranz vieler Erwachsener vor allem ein Kinderprodukt (und für alte Leute). Trotz eines 30%-Produktionswachstums in den letzten 10 Jahren und weiterer künftiger Rekorde erwartet man einen stabilen Importbedarf, weil die Nachfrage vor allem in den Großstädten steigt. Aber zurzeit bremst China eher und drückt die Preise, so dass die chinesischen Milchbauern schon unter Produktionskosten wirtschaften. Hauptimporteur ist aus Kostengründen mit Abstand Neuseeland vor USA. Deutschland und die EU sind teurer und durch die neuen Zölle (7 bis 11% als Antwort der EU-Zölle auf chinesische E-Autos) zusätzlich gehandikapt. Zwar beliefert die deutsche Milchwirtschaft nur 2,5% des chinesischen Marktes, aber immerhin 25% unserer Drittlandsverkäufe führen nach Peking. Experten sehen wenig Chancen im Massenmarkt Butter, Magermilchpulver oder Trinkmilch. Deutschland ist kein Mengen- sondern ein Premiumlieferant und hat den Vorteil, dass „made in Germany“ (Qualität und Sicherheit) beim Milchkonsumenten wegen verschiedener hausgemachter Milchskandale noch zählt. Im Vordergrund stehen Qualitätsprodukte wie Babynahrung, Spezialkäse, Proteinprodukte und laktosearme Erzeugnisse. Aber die Qualitäts- und Hygieneanforderungen sind hoch. China ist/bleibt ein interessanter „Nischenmarkt“, nicht (mehr) geeignet zum Abbau von Überschüssen.
Beispiel Schweinefleisch: wie der Wind sich dreht
Wenn der Schweinepreis bei uns wie zurzeit abstürzt, wird verzweifelt nach Märkten gesucht, die Überschüsse abnehmen – in der Vergangenheit häufig China. Darauf haben sich diverse Länder eingerichtet und ihre Produktion ausgeweitet, allen voran Brasilien und die EU. Nun aber dreht sich der Wind. China hat nach der Seuchenkatastrophe 2019/20 mit 200 Mio. getöteten Schweinen seine Produktion in großen Schritten industriell wieder aufgebaut – zuletzt in massive Überproduktion bei gleichzeitig sinkendem Konsum. Aktuell legen die Erzeuger – von der verbreiteten Kleinproduktion bis zum zehnstöckigen Schweinehochhaus – erheblich Geld dazu. Von 3,3 Mrd. € Branchenverlusten in der Woche (!) sprechen Medienberichte. Die Regierung greift massiv in die Produktion ein, um die Produktion einzudämmen und die Preise zu stabilisieren. Neben Marktentnahmen (Einlagern) werden die Provinzen angehalten, die verringerten Planzahlen dringend einzuhalten. Die Sauen sollen kurzfristig um 5% reduziert werden. Tatsächlich wäre man auch wegen höherer Leistungsdaten in der Lage, mehr zu produzieren, aber im Zuge der Wirtschaftskrise fehlt der heimische Absatz. In der Folge werden die Importe drastisch reduziert – von 5,3 Mio. Tonnen 2020 auf voraussichtlich nur noch 1 Mio. t in 2026, wie die AMI schätzt. Im ersten Quartal sanken die Einfuhren von Schweinefleisch bereits um rund ein Drittel, nur die klassischen Nebenerzeugnisse wie Ohren, Füße und Innereien mit geringerem Preis hielten dem Druck stand. Die Folgen für den Weltmarkt sind verheerend. Bei Brasilien, dem größten Lieferanten, fiel der Schweinepreis auf einen historischen Tiefstand. Auch in Europa löste es Turbulenzen aus. Spanien, Dänemark und die Niederlande verloren die Hälfte des Chinageschäfts und drängen nun mit Dumpingpreisen auf den EU-Markt. In Deutschland stürzten die Erzeugerpreise für Schweine und Ferkel dramatisch ab. Und China ist bereits auf dem Weg, sich als Exportland für Schweinefleisch in Ostasien zu etablieren und den Europäern in Südkorea, Philippinen usw. Paroli zu bieten.
Der Marktbeobachter fürchtet, dass sich der China-Schock 2.0 auch im Agrarhandel etabliert. Der erste China-Schock nutzte sogar unserer Wirtschaft durch billige Zulieferungen und einen riesigen Absatzmarkt. Der Aufstieg Pekings seit 2000 war für die deutschen Industriekonzerne wie für die spezialisierten Mittelständler ein großer Boom. Lange Zeit hatte das Chinageschäft goldene Löffel – auch für die Agrarindustrie von Arla, Schlachtkonzernen bis zu den Stallbaufirmen und der Agrarchemie. Heute hat sich der Handel im industriellen Kern gedreht. China liefert mehr und Deutschland verkauft weniger. Von der Automobil- über die Maschinenbau- bis zur Chemie- und Pharmaindustrie kehren sich die Verhältnisse um. Das Land mit einem Viertel der Weltbevölkerung drängt zum Technologieführer und Innovator in strategischen Feldern von Mobilität, Energieproduktion, Pharma usw. Auch in der Agrarwirtschaft will sich die Pekinger Führung in den nächsten Jahren, spätestens bis 2050 global neu aufstellen. Für uns gilt es, diese Entwicklung frühzeitig zu erkennen und nach dem Industrieschock nicht auch noch einen Landwirtschaftsschock zu erleben. Absehbar ist, dass die Importstandards verschärft werden. Angeraten ist, den Absatz zu diversifizieren, Effizienz und Qualität zu verbessern oder die Ernährungssicherheit auszubauen. Leicht gesagt.



