Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Landesverband Bayern, warnt angesichts der anhaltenden Hitze, der Trockenheit und der ausbleibenden Niederschläge vor dramatischen Folgen für die Landwirtschaft in Bayern – besonders in Franken. Die bäuerliche Interessenvertretung macht deutlich: Die zunehmenden Extremwetterlagen sind Ausdruck des Klimawandels, bedrohen die Existenz vieler Höfe und werden von der Agrarpolitik noch immer nicht ausreichend ernst genommen. Es ist Zeit, die bayerische Kulturlandschaft zu einer klimaresilienten „Schwammlandschaft“ umzubauen, die Wasser in der Fläche hält und Betriebe krisenfester macht. Dazu formuliert die AbL Bayern klare Forderungen an die bayerische und bundesdeutsche Agrarpolitik.
Franken besonders betroffen
In vielen Teilen Frankens hat sich der Boden über Wochen stark aufgeheizt, während ergiebige Niederschläge ausblieben. Auf leichten, sandigen und steinigen Standorten in Nordbayern, etwa in Unter- und Oberfranken, zeigen sich die Schäden besonders drastisch: Grasaufwuchs bleibt aus, Getreidebestände und Silomais geraten in Trockenstress und Erträge schwanken stark in Abhängigkeit von Boden und Wasserverfügbarkeit. Der bäuerliche Alltag ist damit längst von Klimafolgen geprägt, die nicht mehr als „Ausnahmesommer“ abgetan werden können.
Klimawandel als strukturelle Bedrohung
Die AbL Bayern betont, dass die aktuelle Wetterlage Teil eines Musters ist: Häufigere Hitzewellen, längere Dürreperioden und verschobene Niederschlagsmuster verändern die Produktionsbedingungen dauerhaft.
Gleichzeitig geraten die bäuerlichen Betriebe in eine doppelte Zange: Neben Ertragsrisiken nehmen auch Produktionskosten für Futterzukauf und Risikovorsorge zu, während die Marktpreise vielfach unter Druck stehen. Für viele bäuerliche Höfe in Bayern entwickelt sich der Klimawandel damit zur Existenzfrage.
Tristan Billman, Vorstandsmitglied der AbL Bayern und Biolandwirt, beschreibt die Lage eindringlich: „Wir sehen auf unseren Flächen, wie der Klimawandel nicht irgendwann kommt, sondern längst da ist. Wenn Hitzeperioden immer früher einsetzen und der entscheidende Regen ausbleibt, verlieren wir nicht nur Erträge – wir verlieren die Grundlage für eine bäuerliche Landwirtschaft, die regionale Lebensmittelversorgung sichern soll.“
Billman fordert einen klaren Kurswechsel in der Agrarpolitik: „Wir brauchen eine Landwirtschaftspolitik, die Klimaresilienz zur zentralen Leitlinie macht. Dazu gehört auch, unsere Landschaft so zu gestalten, dass sie Wasser wie ein Schwamm aufnehmen, speichern und in Trockenphasen bereitstellen kann – statt Niederschläge schnell abzuleiten und Böden auszutrocknen.“
Wolfgang Kleinlein, Milchviehhalter und Mitglied der AbL Bayern, warnt vor den Auswirkungen auf tierhaltende Betriebe: „In meinem Betrieb mit Kühen und Jungvieh ist das Ackerfutter die wichtigste Futterquelle – wenn es vertrocknet, stehen ganze Futterkreisläufe auf der Kippe. Durch die anhaltende Trockenheit tritt schon jetzt und viel zu früh Vegetationsruhe ein und wir werden bald auf Winterfütterung umstellen. Eine Futterknappheit am Ende des Winters kann ich nicht ausschließen und die Folgen eines weiteren Trockenjahres wären für uns besonders schlimm.“
Kleinlein, der schon seit Jahren vor den Folgen der Klimaveränderung für die Landwirtschaft warnt, prangert das zögerliche Handeln der Politik an und fordert: „Klare Rahmenbedingungen und Förderprogramme für eine klimaangepasste, bäuerliche Landwirtschaft, die Wasser in der Fläche hält und die Landschaft als lebendiges System begreift – nicht als bloße Produktionsfläche.“
Politische und agrarpolitische Defizite
Die AbL Bayern erkennt an, dass es einzelne Programme zur Klimaanpassung und zur Verbesserung des Humusgehalts gibt. Dennoch bleiben diese Schritte aus ihrer Sicht deutlich hinter der Dramatik der Lage zurück: Sie sind oft projektbezogen, zu kurzlaufend und zu stark auf technische Lösungen fokussiert.
In den intensiven Gemüsebauregionen und im Weinbau verlässt man sich als Abhilfe gegen die Wasserknappheit von oben vielerorts auf Bewässerung mit Grundwasser. Und die geplanten Bewässerungsprojekte z.B. in der Hallertau oder der Bergtheimer Mulde werden politisch massiv forciert und finanziell gefördert. Dies ist nach Ansicht der AbL Bayern reine Symptombekämpfung in einem System, das krankt und kollabieren könnte, wenn es nicht grundlegend geändert wird.
Noch immer fehle eine Gesamtstrategie, die Klimaresilienz – also die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft gegenüber Extremwetter – zum übergeordneten Ziel der Agrarpolitik macht. Statt die Mittel konsequent auf vielfältige, bäuerlich geprägte Bewirtschaftungssysteme auszurichten, werden Agrarstrukturen gefördert, die Wasserhaushalt und Böden weiter unter Druck setzen.
Schwammlandschaft: Wasser in der Fläche halten
Eine zentrale Forderung der AbL Bayern ist der Umbau der Kulturlandschaft zu einer „Schwammlandschaft“. Dieses Konzept zielt darauf ab, Niederschläge nicht schnell über Gräben und Flüsse zum Abfluss zu bringen, sondern sie im Boden, in Vegetationsstrukturen und in kleinräumigen Wasserretentionssystemen zu halten. Böden mit hohem Humusgehalt, vielfältige Fruchtfolgen, dauerhafte Begrünung, Hecken, Agroforstsysteme, Feuchtflächen und kleinstrukturierte Landschaftselemente erhöhen die Wasserspeicherkapazität und stabilisieren den Landschaftswasserhaushalt.
Dadurch werden sowohl Dürre- als auch Starkregenereignisse abgepuffert: Wasser kann versickern, statt oberflächlich abzulaufen und Erosion zu verursachen, und steht Pflanzen in Trockenphasen länger zur Verfügung. Schwammlandschaften sind damit ein Kernbaustein klimaresilienter Landwirtschaft, der auch Biodiversität, Bodenschutz und regionale Trinkwassersicherung stärkt.
Konkrete Forderungen der AbL Bayern
Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation fordert die AbL Bayern:
- Eine konsequente Ausrichtung der bayerischen und bundesdeutschen Agrarpolitik auf Klimaresilienz, mit klarer Priorität für bäuerliche Betriebe und vielfältige Fruchtfolgen.
- Den massiven Ausbau und die langfristige Finanzierung von Programmen für Humusaufbau, Heckenstrukturen, Agroforst, Wiedervernässung von Feuchtgebieten und andere Maßnahmen zur Wasserretention in der Fläche.
- Die Verzahnung von Wasser-, Klima- und Agrarpolitik, um regionale Schwammlandschaften gezielt zu fördern und kommunale wie bäuerliche Akteure bei der Umsetzung zu unterstützen.
- Eine Risikoabsicherung gegen Wetterextreme, die nicht nur auf Versicherungen setzt, sondern gleichzeitig den Umbau hin zu klimaangepassten Bewirtschaftungssystemen vorantreibt.
„Unsere Höfe sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und ihre Bewirtschaftung an die Klimarealität anzupassen“, erklären Tristan Billman und Wolfgang Kleinlein gemeinsam. „Doch ohne entschlossenes politisches Handeln und eine Agrarpolitik, die Wasser in der Fläche hält und Schwammlandschaften ermöglicht, werden Hitze und Trockenheit weiterhin Höfe und Regionen in Bayern an den Rand der Belastbarkeit bringen.“



