Kommentar: Widerstand als Selbstermächtigung

Wenn man von historischen Tagen spricht, dann nimmt seit vielen Jahren der 17. Juni einen denkwürdigen Platz in meinem Gedächtnis ein. Über eine Million Menschen beteiligten sich 1953 an dem Volksaufstand, welcher in die Reihe der großen revolutionären Erhebungen in Deutschland gehört. Die sowjetische Besatzungsmacht beendete den Streik brutal mit dem größten Militäreinsatz der europäischen Nachkriegsgeschichte. Der Druck, dem die Menschen damals in vielen Bereichen ihres Lebens ausgesetzt waren, verbunden mit eingeschränkten Rechten, schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen, ließ sie mutig Widerstand leisten.

Die Folgen des 17.Juni 1953 waren neben Inhaftierungen und Todesstrafen ein anhaltender massiver Vertrauensverlust der ostdeutschen Bevölkerung gegenüber den Regierenden und den Besatzern. Wie die Epoche innerdeutscher Geschichte, geprägt durch Observation, Repression und Spaltung, endete oder auch weiterlebt, ist bekannt. 

"Die Entscheidung des EU-Parlaments zur Deregulierung neuer Gentechnikverfahren macht mich als Bäuerin fassungslos."

Der 17.Juni 2026 markiert wieder eine Zäsur, zumindest für mich als Bäuerin. Die an diesem Tag gefällte Entscheidung des EU-Parlaments zur „Deregulierung neuer Gentechnikverfahren“ macht mich fassungslos. Sie betrifft neben uns Bäuerinnen und Bauern die ganze Gesellschaft. Es geht um die Wahlfreiheit von Menschen an der Ladentheke, um unsere Arbeit auf den Höfen und um den Zugang zu unseren bäuerlichen Ressourcen. Es geht auch darum, wer für die Auswirkungen von Risikotechnologien haftet und die finanzielle Verantwortung trägt. Das EU-Parlament hat jegliche Verantwortung auf die Gesellschaft, auf die Erzeuger: innen und das verarbeitende Gewerbe abgewälzt.

"Wer gentechnikfrei arbeiten will, soll dies zukünftig mit eigenem wirtschaftlichem Risiko stemmen."

Dass sich Europa einen Wettbewerbsvorteil durch einen hart erkämpften gentechnikfreien Markt mit einem Jahresumsatz von 36 Milliarden Euro aufgebaut hat, konnte die Entscheidungsträger:innen in Straßburg und Brüssel nicht beeindrucken. 
Mehrere Rechtsgutachten haben indes belegt, dass die beschlossene Deregulierungsverordnung dem Völkerrecht widerspricht und das verankerte Vorsorgeprinzip missachtet.

"Deshalb plant die AbL, gegen das neue EU-Gesetz in Form einer „Direktklage“ gerichtlich vorzugehen und hofft auf eure breite Unterstützung."

So verständlich, wie privater Rückzug durch Überforderung in krisengeschüttelten Zeiten sein mag, so gefährlich ist er. Der Widerstand muss weitergeführt werden von uns als Gesellschaft und als Berufsstand, in unterschiedlichster Form, um Profitgier und Machtkonzentration eine Absage zu erteilen und den Aufbruch in eine neue gentechnikfreie europäische Epoche zu ermöglichen. 

Claudia Gerster, Bundesvorsitzende der AbL und Bäuerin in Sachsen-Anhalt

Claudia Gerster, Bundesvorsitzende der AbL und Bäuerin in Sachsen-Anhalt (Foto: privat)