Moorforscherin sieht riesige Chancen für Landwirtschaft auf wiedervernässten Mooren

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) hat die international renommierte Moorforscherin Dr: Franziska Tanneberger mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet, weil sie nach den Worten des DBU-Generalsekretärs Alexander Bonde „als treibende Kraft die Revitalisierung von Mooren vorangebracht und es zugleich geschafft hat, Brücken zwischen Wissenschaft, Politik und Landwirtschaft zu bauen“. In einem Interview mit Agra Europe antwortet Tanneberger auf die Frage, ob sie nachvollziehen könne, dass viele Landwirte auf Moorstandorten ihre Existenz bedroht sehen, mit einem klaren „Ja“ und sieht sogar „riesige Chancen“ für Betriebe, denn Landwirtschaft könne auch auf wiedervernässten Mooren weitergeführt werden.

Die Wiedervernässung trockengelegter Moore sei „unentbehrlich, um klimaschädliches Kohlendioxid zu speichern“, erklärt Alexander Bonde. Die Aufgabe sei riesig: Weltweit sind die künstlich trockengelegten Moorflächen jährlich Ursache für rund zwei Milliarden Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente – etwa vier Prozent der durch Menschen global verursachten Treibhausgasemissionen. Bonde zufolge sind Moore überdies nicht nur Kohlenstoffsenken, „sondern auch Wasserspeicher und ein Garant für Lebensvielfalt“. Tanneberger sei es gelungen, „für besseren Schutz von Klima und Biodiversität Bäuerinnen und Bauern ins Boot zu holen, weil man Moore nämlich auch nass nutzen kann“. Als Beispiele nannte der DBU-Generalsekretär innovative Materialien zum Bauen und Dämmen, die Streunutzung etwa in Bayern sowie Rohrdächer auf Häusern in Norddeutschland.

In dem Interview mit Agra Europe antwortet Tanneberger auf die Frage, ob sie nachvollziehen könne, dass viele Landwirte auf Moorstandorten ihre Existenz bedroht sehen: „Ja. Ich habe viele Berührungspunkte mit der Landwirtschaft und nehme sehr wohl wahr, dass die Landwirtschaft unter starkem Druck steht. Es gibt viel gesellschaftliche Einmischung, weit mehr als in anderen Wirtschaftsbereichen und nicht immer mit Fachkompetenz. Bei der Frage, wie es mit den Mooren weitergeht, sehe ich viele Ähnlichkeiten mit dem Kohleausstieg. Bei der Kohle ist es aber so, dass im Schacht endgültig das Licht ausgehen wird. Auf Mooren ist das anders. Denn Landwirtschaft kann auch auf wiedervernässten Mooren weitergeführt werden. Darin liegen riesige Chancen.“

Chancen sieht Tanneberger in der stofflichen Verwertung der auf wiedervernässten Mooren gewonnenen Paludikulturen wie Schilf oder Röhricht, etwa als Dämmmaterial im Bausektor. Auf die Frage nach möglichen Abnehmern solcher Produkte erklärt Tanneberger gegenüber Agra Europe: „Auch da gibt es seit etwa zwei Jahren eine Initiative zwischen der Umweltstiftung Michael Otto, der Michael Succow Stiftung und dem Greifswald Moor Centrum. In einer ersten Machbarkeitsstudie haben wir uns auf zwei Sektoren konzentriert, nämlich auf die Bauwirtschaft und die Verpackungsindustrie. Wenn wir in Deutschland 10 bis 20% Biomasse von wiedervernässten Mooren in die Wertschöpfungsketten beimischen, hätten wir für über 300.000 Hektar eine garantierte Abnahme. Auf Basis dieser Studie haben wir Unternehmen angesprochen. Mittlerweile sind 14 große Firmen Partner in einer Nachfrageallianz. Sie haben sich verpflichtet, konkrete Paludikulturprodukte herzustellen. Ist es eine Lamelle in der Innentür? Ist es ein Verpackungsmaterial, ein Hygienepapier oder eine Bauplatte? Daran wird im Moment getüftelt. Als erstes Produkt ist seit Juli ein Versandkarton bei Otto in Gebrauch, der zu 10% aus Paludifasern besteht. Das sind ganz, ganz wichtige erste Schritte. Um auf Tempo zu kommen, brauchen wir aber sicher mehr. Warum gibt es zum Beispiel keine staatlichen Abnahmegarantien für Paludikultur-Biomasse in den Anfangsjahren, um die Betriebe zu unterstützen?“

In Regionen mit wiedervernässten Mooren in die Milchviehhaltung, in neue Ställe oder Molkereien zu investieren, hält Tanneberger für „keine gute Idee“.

 

DBU-Generalsekretär Alexander Bonde und die mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnete Moorforscherin Dr. Franziska Tanneberger. Foto: BDU