Not bei Schweinebauern und – mal wieder - die Hoffnung auf den Export?

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Die Not bei den Schweinebäuerinnen und Schweinebauern ist zurzeit schon enorm. Der Erzeugerpreis für Schweine und Ferkel ist erneut kräftig gefallen. Bei 1,50 €/kg Schwein fehlen dem Mäster etwa 20 € am Schwein und der Ferkelerzeuger rechnet bei 40 € pro 25 kg Ferkel ebenfalls mit einem Verlust von 20 € pro Tier. Noch vor wenigen Wochen erwarteten alle Marktexperten, dass die Preise wie immer im Frühsommer steigen würden. Stattdessen stürzte der Preis weiter ab und hinterließ viele Fragen. So auch auf der Mitgliederversammlung der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) in dieser Woche in Münster. Die geladenen Vertreter der Fleischindustrie übten sich in Ratlosigkeit. Nicht mal die Grillzeit, die mit der Wetterwende endlich angebrochen ist, konnte einen Funken Hoffnung erzeugen. Wahrscheinlich wird sie eh schon überschätzt, weil die Unternehmen sich langfristig mit Tiefkühlware (Nacken, Bratwurst) eindecken und der Markteffekt sinkt. Aber wenn die Hilflosigkeit groß ist, greift man nach jedem Strohhalm. Die nächste Hoffnung ist ein Fußballmärchen mit viel public viewing bei der Weltmeisterschaft. Nagelsmann und Undav sollen es möglich machen.

Im Inland nichts Neues

So richtig Euphorie für den Inlandsabsatz kam damit bei den anwesenden Branchenvertretern nicht auf, zumal die Prognosen für 2026 und 2027 kaum Besserung erwarten lassen und weil die Erklärungen nicht überzeugten. Denn, so stellte ISN-Geschäftsführer Staack eindrücklich fest, das Aufkommen liegt auf Vorjahresniveau und der Schweinefleischkonsum ist zuletzt sogar steigend – nur der Preis ist unterirdisch. Als allgemeine Begründung für den fehlenden Absatz gelten die leichten Überkapazitäten in der EU und der rückläufige Exportabsatz vor allem Spaniens, dem durch die Schweinepest im Lande Drittlandsmärkte (China u.a.) teilweise weggebrochen seien und die jetzt auf den europäischen (gern auch deutschen) Markt auswichen. Trotzdem liegt der Schweinepreis in Spanien laut ISN erstaunlicherweise ca. 0,30 € über unserem. Selbst kritische Analysten wundern sich, dass in Spanien für 1,80 € eingekauft wird und nach Deutschland für 1,50 €/kg verkauft werden soll. Die Erklärung, dass die spanische Schlachtindustrie mit Verlusten fahre – 2 Mrd.€ dieses Jahr – wollte so richtig niemand glauben. Die spanische Schlachtindustrie will die EU- Märkte mit Verlusten erobern und zugleich ihren Erzeugern überdurchschnittliche Preise zahlen – da blieben Zweifel.

Letzte Hoffnung Export

Damit blieb als letzte „Patrone“ mal wieder - wenn sich im Inland wenig bewegt - der Export. Gelobt wurde Minister Rainer für seine Aktivitäten in China, Japan und sonstwo. Aber bislang ist außer blumigen Reden und „guten Gesprächen“ (in China gibt es nur „gute Gespräche“) nichts passiert. Und kaum einer erwartet etwas für dieses Jahr. Dass man dennoch auf (mögliche) Märkte in Fernost starrt, zeigt eher die Verzweiflung als die realen Chancen.

Sehnsuchtsort China

Fluchtpunkt für Exporteure ist natürlich besonders China, das Land mit der Hälfte der Schweine weltweit, mit einem Viertel der Weltbevölkerung und mit einem großen Bedarf an Fleischkonsum. Als China 2019/2020 durch die Schweinepest ein Drittel seiner Produktion verlor, wurden Chinageschäfte für zwei bis drei Jahre zum lukrativen Selbstläufer. Diese Zeiten sind vorbei. China hat seine Erzeugung massiv - staatsunterstützt mit riesigen Anlagen – hochgefahren, dadurch seinen Importbedarf drastisch reduziert und strebt inzwischen selbst auf andere asiatische Märkte (Vietnam, Philippinen).

Aktuell ist die chinesische Produktion im ersten Quartal erneut um 4,2% gewachsen, während der Konsum abflacht. Damit ist sie in eine veritable Krise gerutscht. Der Schweinepreis ist dramatisch abgestürzt und liegt aktuell bei ca. 1,60 €/kg – nach 2,50 €/kg in 2025 und 5 €/kg in 2020.  Laut Einschätzungen von Chinakennern liegen die Verluste mittlerweile bei rund 56 € pro Tier, wie top agrar berichtet. Bei über 700 Mio. Schlachtungen gehen die Marktexperten von monatlichen Gesamtverlusten in diesem Sektor von etwa 3,3 Mrd. € aus. Eine Kombination aus massiver Überproduktion und strukturell sinkender Nachfrage hat die chinesischen Produzenten in eine schwere Finanzkrise gestürzt. Die Regierung fordert die Branche auf, die Bestände um etwa 1 Mio. Sauen (2%) zu reduzieren. Ein Leuchtturm sieht anders aus, fürchten Analysten.

Buhlen um den reduzierten Chinamarkt

Das hat dazu geführt, dass sich die Einfuhren des Reichs der Mitte erheblich reduzierten. Besonders beim attraktiven Schweinefleisch sanken die Mengen im ersten Quartal um 33%. Allein bei den für Chinesen wichtigen, billigen Nebenprodukten wie Köpfe, Innereien blieben die Importe fast stabil. Trotz der Dumpingpreise buhlt immer noch die halbe Welt um den Chinamarkt. Führend ist nach wie vor Brasilien. Auch die Südamerikaner haben ihre Produktion massiv erweitert und leiden nun unter dem Exportrückgang von 15% allein im Mai. Die Folge ist ein Preisverfall auf ca. 1,25 €/ kg, was real der niedrigste Wert seit 10 Jahren ist und die gesamte Branche in ihrer Existenz bedroht. Auch die europäischen Exportführer stöhnen unter den Ausfuhrverlusten, allen voran Spanien trotz eines Lieferabkommens und Dänemark, das schon lange innige Beziehungen nach Peking unterhält und extrem exportabhängig ist. Nun ist China zwar das wichtigste, aber nicht das einzige Exportziel. Aber auch alle anderen Märkte in Ostasien, Mexiko u.a. sind heftig umkämpft. Danish Crown, EU-Exportunternehmen Nr.1, wankt unter dem globalen Wettbewerb und drückt mit Billigangeboten auf den EU-Markt, zahlt seinen Erzeugern mindestens 0,20 €/kg unter der hiesigen Notierung und verschärft die dänische Schweinekrise. Als Erfolgsmodell kann der dänische Weg nicht herhalten.

Der Markbeobachter erkennt die Krise auf dem Schweinemarkt, ohne die Hintergründe für den unerwarteten Absturz schlüssig nachvollziehen zu können. Auch die immer schneller auftretenden Marktverwerfungen sind kaum erklärbar und übertreffen inzwischen den früher üblichen Schweinzyklus an Tiefe und Häufigkeit. Verständlich, dass man in der Not nach allen möglichen Auswegen sucht. Hier ist Marktinnovation gefragt und nicht Kostenführerschaft und Billigproduktion. Wie in der Vergangenheit auf Export zu setzen und damit Dumpingpreise in Kauf zu nehmen bzw. auszulösen, ist schon unverständlich. Man kann mit Billigangeboten vorübergehend Überschüsse rausschaffen, aber nicht auf dem Weltmarkt den hiesigen Preis stabilisieren? Den Chinaabsatz als mögliches Heilmittel zu suchen, erscheint mir (bis auf Ausnahmen wie Nebenprodukte, die im allergünstigsten Fall eine Wertsteigerung von 0,03 €/kg bringen) eher illusorisch als hoffnungsvoll. Den Minister allein dafür zu loben, dass er Gespräche führt, sonst aber die Schweinehaltung eher ab- als aufbaut, zeigt, wie groß die Ratlosigkeit in der Branche ist.