Gerne heißt es von Seiten der Befürworter:innen neuer Gentechniken (NGT), dass CRISPR-Cas bereits in vielen Ländern in der Pflanzenzucht angewendet und NGT-Pflanzen dort auch schon angebaut würden. Ein aktueller Bericht, der im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt in der Schweiz (BAFU) erstellt wurde zeigt, es gibt viel Forschung an NGT-Pflanzen, aber kaum etwas auf dem Acker. Das enttäuscht auch die Finanzanleger.
Zu unterscheiden ist, was eine Marktzulassung hat, und vom Hersteller angeboten wird - und was tatsächlich angebaut wird. Angebaut werden drei NGT-Pflanzen in zwei Ländern. In Japan ist eine Tomate mit einem erhöhtem Inhaltsstoff (GABA) die den Blutdruck senken soll, im Anbau und auf dem Markt. Sie wurde mit CRISPR (eins der neuen Gentechnikverfahren) von der Firma „Sanatech Life Science“ entwickelt. Die Tomate wurde 2021 als Lebensmittel „mit funktionellen Angaben“ auf den Markt gebracht – ohne unabhängige Risikoprüfung, weder auf gesundheitliche Auswirkungen noch auf Umweltwirkungen.
Zudem werden in den USA zwei mit CRISPR entwickelte NGT-Mais-Pflanzen angebaut. Beide wurden von der Firma Corteva entwickelt. Beide sind resistent gegen das Totalherbizid Glufosinat und haben zudem je eine Insektenresistenz. Beide sind transgen, das heißt, es wurden „artfremde“ Gene eingebaut. Eine Marktzulassung der beiden NGT-Maislinien gibt es auch in Kanada, ein NGT-Mais ist auch in Argentinien zugelassen. Angebaut werden sie dort vermutlich nicht, zumindest gibt es keine Anbauzahlen.
Nicht mehr auf dem Markt
Die beiden ersten Pflanzen, die mit Hilfe der neuen Gentechniken hergestellt wurden, wurden wegen Misserfolgs wieder vom Markt genommen. Die Erträge waren zu gering. Die erste weltweit angebaute NGT-Pflanze war ein Raps der Firma Cibus. Dieser sollte nach Meinung der Firma auch in Deutschland angebaut werden. Nur durch eine Klage (2015, organisiert durch die AbL) konnte dies verhindert werden. Der CIBUS-Raps ist resistent gegen ein Herbizid und wurde in den USA angebaut. Im Jahr 2024 brachen die Aktien von CIBUS deutlich ein, nachdem berichtet wurde, dass Landwirte aufgrund geringerer Ernteerträge und Einnahmeverluste klagen. Zahlreiche große Saatgutproduzenten und -händler zogen sich aus Unternehmenskooperationen mit CIBUS zurück. Anbauzahlen nennt das Unternehmen nicht mehr.
Die zweite angebaute NGT-Pflanze war eine Sojabohne der Firma Calyxt. Sie hat eine veränderte Fettsäurezusammensetzung und soll besser verdaulich sein. Die NGT-Soja wurde in den USA angebaut. Weil die Vermarktung des NGT-Saatguts schlecht lief, stieß Calyxt sie 2023 jedoch ab. Auch hier wurde berichtet, dass die Erträge viel schlechter seien, als erwartet. 2023 fusionierte Calyxt mit CIBUS., sie firmieren nun unter dem Namen CIBUS. Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens nach wie vor schwierig.
NGT-Pflanzen in der Entwicklung
Laut BAFU-Bericht befinden sich 89 NGT-Pflanzen (31 verschiedene Arten) in der Entwicklung. 15 NGT-Pflanzen sollen in den nächsten Jahren laut Ankündigung ihrer Hersteller auf den Markt kommen. In Kolumbien und den USA stehen die ersten mit CRISPR entwickelten „kompakt“ wachsenden Brombeeren von Pairwise im Gewächshaus. Erste Testverkäufe der Beeren an Konsumt:innen finden in Kolumbien statt. Corteva forscht an einem Zwerg-Mais und einen gegen drei Krankheiten resistenten Mais. Je eine Herbizidresistente Reissorte wird von der Firma CIBUS und BioHeuris entwickelt, sowie herbizidresistentes Sorghum (ebenso BioHeuris). Inari kündigt Sojabohnen mit höherem Ertrag an und GDM Soja mit Trockentoleranz. Ohalo Genetics Inc. arbeitet an einer Hybrid-Kartoffel. Diese soll zugleich für Fertigprodukte geeignet sein und Kartoffelsaatgut erzeugen. Das Unternehmen erhofft sich damit eine Revolution des Kartoffelmarktes. Tropic Bioscience arbeitet an nicht bräunenden Bananen und Elo Life Science will in Wassermelonen einen hochintensiven Süssstoff erzeugen.
Vieles bleibt stecken
Die Entwicklungspipelines sind tatsächlich dynamisch. Neben neuen Entwicklungen zeigt sich auch, dass viele der angekündigten NGT-Pflanzen, die in den Pipelines auftauchen, den Markt nicht erreichen. Hoffnungsvolle Termine zum Markteintritt werden nach hinten verschoben. Oder NGT-Pflanzen werden still und leise zurückgezogen. So hatte Pairwise 2023 einen NGT-Salat aus weniger bitteren Senfblättern mit hohen Erwartungen auf den Markt gebracht. Dieser Salat gehört mittlerweile Bayer, die auf Nachfragen angeben, das Salat-Saatgut bisher nicht zu vermarkten. Ein anderes Beispiel ist die Firma Yield10 Bioscience, die Anfang 2023 den Anbau von NGT-Leindotter mit erhöhtem Ölgehalt starteten. Statt wie angekündigt, den Anbau stark auszuweiten, meldete das Unternehmen Konkurs an. Yield10 Bioscience wurde vom australischen Saatgutkonzern Nufarm aufgekauft. Ein Zeitraum für die Markteinführung des Leindotters wird nicht mehr benannt.
Technische Probleme
Es gibt aber noch weitere Gründe, warum viele NGT-Pflanzen, die bspw. in Kanada oder den USA zugelassen sind, dennoch nicht auf den Markt kommen. So verfügen Startups selten über eigenes genetisches Material. Sie entwickeln ihre gentechnischen Veränderungen an Modellpflanzen im Labor. Um eine Sorte auf den Markt zu bringen, braucht es dann Saatgutunternehmen, die bereit sind, die gentechnischen Veränderungen in ihre Hochleistungssorten zu übertragen. Eine solche Kooperation gelingt nicht immer, u.a. weil die Saatgutunternehmen kein Interesse an den entwickelten Eigenschaften haben. Zudem kann es sein, dass Merkmale, die im Labor und im Gewächshaus gut „funktionieren“, auf dem Feld nicht unbedingt die gewünschten Ergebnisse zeigen oder nicht stabil sind.
Zudem erschweren regelrechte Patentdickichte die Nutzung der neuen Techniken. Nach der Entdeckung und jeweiligen Weiterentwicklung der einzelnen Neuen Gentechnik-Verfahren sicherten sich die Erfinder:innen diese mit Patenten. Hierzu gibt es immer noch laufende Rechtsstreitigkeiten. Um die Patente herum haben sich Unternehmensgruppen gebildet, die Lizenzen „vermarkten“. Dies schafft enorme Abhängigkeiten und mangelnde Flexibilität. Jedenfalls ist abzusehen, dass dies wie schon bei der alten Gentechnik zu höheren Saatgutpreisen führen wird.
Neben den Patenten auf die Techniken selber werden auch immer mehr Patente auf Pflanzen, deren Produkte und Gensequenzen erteilt, unabhängig davon, ob sie mit konventioneller Züchtung oder durch Neue Gentechniken erzeugt werden (oder erzeugt werden könnten). Patente aber behindern oder blockieren den Zugang zu Saatgut und genetischen Ressourcen. Dies führt zu großen Rechtsunsicherheiten bei den Züchter:innen und blockiert vielfältige Innovationen. Um eine breite und vielfältige Züchtung zu erhalten sind solche Patente zeitnah wirksam zu verbieten.
Aurorin: Annemarie Volling, AbL-Referentin für gentechnikfreie Landwirtschaft
Link zum BAFU-Bericht (https://www.bafu.admin.ch/dam/de/sd-web/CvUB4NcuTbzd/new-genetic-engineering-techniques.pdf).



